Alles im R(h)einen – Der Rhein als Lebensraum zwischen Mainz und Wiesbaden

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von Ejo Eckerle
Fotos: Jana Kay & Daniel Rettig

Es hätte ein großes Ereignis werden sollen. Der Schweizer Extremsportler Erwin Romeis wollte am Mainzer Rheinufer Station machen auf seiner Tour von der Quelle bis zur Nordseemündung. Sein ehrgeiziges Ziel war es, die 1231 Kilometer von Europas zweitgrößtem Fluss zu durchschwimmen. Doch nach knapp 400 Kilometern gab er auf, gescheitert an dem mächtigen Strom, der Menschen und Städte über Ländergrenzen hinweg verbindet. Wer oder was ist der Rhein?

Die Antwort auf diese Fragen hängt entscheidend davon ab, wo man steht. Vom Mainzer Ufer aus betrachtet, den Dom und das Arne-Jacobsen-Rathaus im Rücken, bietet sich ein unverstellter Blick auf eine der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt, die hier fast einen halben Kilometer Breite einnimmt. Im Minutentakt ziehen Frachtschiffe vorüber. An schönen Tagen flankiert eine Armada von Motoryachten die Lastkähne und die Ausflugsdampfer der Rheinschifffahrt reihen sich in die Fahrrinne ein. Der Rhein ist ein Mischling, zumindest hier noch. Aus der Vogelperspektive kann man gut erkennen, wie das bräunlich-trübe Wasser des Mains auf den blau-grünen Lauf des Rheins trifft. Erst auf der Höhe von Lahnstein vermischen sich beide Wasserschichten vollständig miteinander.

Riviera und Industrierevier
Während der Rhein zur Mainzer Stadt-Silhouette gehört, Wohnen und Leben am Fluss seit einigen Jahren einen neuen Aufschwung erleben, wirkt das Verhältnis von Wiesbaden zum Rhein distanzierter. Die Innenstadt liegt ein gutes Stück abseits. Dort verbindet man mit Wasser in erster Linie die Kurquellen. Wiesbaden am Rhein bedeutet eher Randlage, wie etwa der Stadtteil Schierstein. Den Schiersteiner Rheinhafen trotzten seine Erbauer 1859 einem Rheinarm ab. In der Folge entstand dort eine Reihe von Fischereibetrieben. Ende der fünfziger Jahre ließ sich die Bundeswehr mit einem Pionierbataillon am hessischen Ufer nieder. Doch das ist Vergangenheit, auch als Industriehafen musste Schierstein mehr und mehr zurückstecken. Der Mainzer Stadthafen als Umschlagplatz für Güter und Waren lief ihm den Rang ab. Am Frankenbach Container Terminal legen Frachter aus Rotterdam nach 60stündiger „Bergfahrt“ an, löschen ihre Ladungen, um nach nur weiteren 24 Stunden mit der Rheinströmung „talwärts“ wieder den holländischen Überseehafen zu erreichen.

Der Schiersteiner Hafen ist inzwischen Heimat von zahlreichen Motor- und Segelbooten, die dort zeitweise oder dauerhaft ankern. Die Schiersteiner „Riviera“ verbreitet durchaus ein gewisses Flair, vor allem mit ihren ausladenden und PS-starken Booten. Zentrum des gesellschaftlichen Lebens der Wassersportliebhaber ist der Wiesbadener Yachtclub. Es gibt immer was zu feiern, wie auch an diesem Tag. Der 57-jährige Berthold Slooten und seine Ehefrau Heike sind seit Kurzem stolze Eigner einer schwedischen Nimbus-Motoryacht. Sie haben zur Schiffstaufe geladen. Ihre knapp zehn Meter lange Neuerwerbung blitzt in den Strahlen der Frühlingssonne. Was da am Steg dümpelt, kostet in etwa so viel wie eine Eigentumswohnung in guter Wiesbadener Lage. Die Stimmung ist fröhlich-ausge-lassen, alle warten auf den Segen von Meeresgott Neptun. Der muss sich aber erst noch in Schale werfen. Als er schließlich, begleitet von seinem Hofstaat, mit Krone und Dreizack auf dem Anleger erscheint, kann die Zeremonie beginnen. Fromme Wünsche und Frotzeleien, wie sie unter Wassersportlern üblich sind, ergehen über die Schiffseigner. „Helios“, so heißt das Schiff fortan, bekommt die obligatorische Sektdusche. Das Ehepaar Slooten freut sich auf ausgedehnte Touren zu den schönsten Hauptstädten Europas, denn die lassen sich ohne Probleme von hier aus auf dem Wasserweg erreichen, vorausgesetzt man hat die Zeit dafür. Unter der Verkleidung von Neptun verbirgt sich der Zahnarzt Dr. Günter Maneck, 1. Vorsitzender des Wiesbadener Yachtclubs. Maneck selbst ist schon seit Kindheitstagen begeisterter Segler. Motorbootkapitäne und Segelfans halten sich im Club die Waage, was keine Selbstverständlichkeit ist. Die Zeit der „großen Pötte“, so prophezeit es Maneck, ist auch hier am Rhein vorbei. „Der teurere Kraftstoff und ein Umdenken bei den Wassersportlern hin zu kleineren Booten wird dazu führen, dass die sehr großen Motoryachten, die das Erscheinungsbild des Clubs über Jahre geprägt hatten, in unserem Revier zur Ausnahme werden.“ Was aber mit Sicherheit bleiben wird, ist die Bedeutung, die der Yachtclub für das gesellschaftliche Leben am Rhein spielt. Dazu zählt seine erfolgreiche Jugendarbeit. Außerdem ist der Verein mit seinen Aktiven und Booten eine wichtige Stütze des Schiersteiner Hafenfestes oder anderer jährlich wiederkehrender Events wie dem Drachenboot-Rennen und diverser Regatten.

Idylle im Strom
Der Schiersteiner Hafen ist ein idealer Ausgangspunkt, um eine ganz andere Welt zu erkunden, die des Naturschutzgebiets der Rettbergsaue. Direkt neben dem Vereinshaus des Yachtclubs liegt die Anlegestelle der Personenfähre Tamara. In knapp zehn Minuten befördert sie ihre Passagiere während der Saison von April bis September auf die idyllische Rheininsel. Hunde und Fahrräder sind hier verboten. Der Einzige, der hier auf seinem Radesel seine Runde ziehen darf, ist der Campingplatzwart. Über 90 Prozent der 68 Hektar großen Inselfläche stehen unter Naturschutz und beherbergen eine reichhaltige Vogel- und Pflanzenwelt. An den Sandstränden lässt sich spielend ein Sommertag verbringen, das Baden ist zwar (offiziell) immer noch verboten tatsächlich auf eigene Gefahr aber möglich. Entfernt dringt das Rauschen des Verkehrs der Schiersteiner Brücke herüber, gelegentlich brummt ein Frachtschiff vorbei und wirft Wellen, aber all das kann nicht das Konzert der Vögel, die hier leben und nisten, übertönen. Das auf Stelzen erbaute Inselcafé hat zwar schon bessere Tage gesehen, bietet aber eine solide gastronomische Grundversorgung. Ab 1. August soll endlich die Aue auch wieder über eine Wendeltreppe an der Schiersteiner Brücke zu erreichen sein. Wenn die Besucher dann die letzte Fähre verpassen, die um zehn vor acht von der Insel ablegt, können sie so wenigstens noch zu Fuß den Heimweg antreten. Just zu Saisonbeginn hatten Hessenforst und das Regierungspräsidium in einer über 30 Jahre alten Vorschrift „entdeckt“, dass der seit Jahrzehnten genutzte Fußweg am Ende der Treppe der Autobahnbrücke illegal ist, weil er mitten im Naturschutzgebiet liegt.

Der Rhein hat sich erholt
Um den Rhein ranken sich viele Legenden. Und auch diese Geschichte gehört dazu: Im September 1988 steht der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer mit Badekappe, Neoprenanzug und Flossen auf einem Polizeiboot im Rhein vor Mainz, um hineinzuspringen. Das Wasser ist kalt, die Strömung stark. Der Politiker zieht unbeeindruckt seine Bahnen. Er habe zeigen wollen, dass der Rhein wieder sauber und intakt sei, heißt es hinterher. Die PR-Aktion hatte einen ernsten Hintergrund. Eineinhalb Jahre zuvor war es durch einen Brand beim Chemie- und Pharmariesen Sandoz in Basel zu einer Umweltkatastrophe gekommen, die das Leben im Rhein beinahe zum Erliegen brachte.
Später zerstörte Töpfer die Mär um die vorgeblich kühne Aktion selbst: „Entgegen der landläufigen Meinung, dass ich mit diesem kühnen Bademanöver die wiedergewonnene Wasserqualität des Rheins beweisen wollte, war dieser Sprung das Ergebnis einer Wette.“ Eine Wette, die sein Amt betraf: Statt wie im Wahlkampf versprochen in Rheinland-Pfalz zu bleiben, ging er als Umweltminister nach Bonn. Aus Umweltgründen wäre das Schwimmen im Rhein heutzutage keine Heldentat mehr. Das Wasser ist sauber wie seit Jahrzehnten nicht mehr, was sich besonders am neu erblühten Fischvorkommen des Rheins ablesen lässt. „Um 1890 lebten 50 Arten im Rhein,1970 waren es nur noch 25 und jetzt haben wir über 60 Arten im Rhein“, beschreibt Dr. Michael Engel, der Leiter der Rheinwasser Untersuchungsstation Mainz, die Entwicklung. Bereits zu Anfang der siebziger Jahre errichteten die Länder Hessen und Rheinland-Pfalz die Messstelle am Kopf der Theodor-Heuss-Brücke auf der Mainzer Seite. Der kleine, efeuumrankte Betonzweckbau wirkt etwas geheimnisvoll. Außer einem Schauaquarium und einem Computermonitor hinter Glas, der tagesaktuell die Messwerte des Rheins anzeigt, bietet er wenig Einblick. Aber es gibt nichts zu verbergen, im Gegenteil. Die Station registriert und wertet rund um die Uhr die Vitalfunktionen des Flusses aus. Vier an den Pfeilern der Rheinbrücke befestigte Saugrohre leiten unterirdisch das Wasser in die Station zu den Messsensoren. Alle zehn Minuten ermittelt das System Temperatur, ph-Wert, Sauerstoffgehalt, Trübung und Leitfähigkeit des Rheinwassers, insgesamt 144mal am Tag. Zusätzlich entnimmt die Anlage alle vier Minuten automatisch Wasserproben. Im Keller der Station bewahren die Mitarbeiter die Proben vier Wochen lang in großen Kühlschränken auf, damit sie eventuelle Auffälligkeiten nachverfolgen können. Aus diesen Proben können die Wissenschaftler im Labor bis zu 250 Kenngrößen gewinnen. Während in den siebziger Jahren dem Rhein noch buchstäblich die Luft zum Atmen fehlte, ist der Sauerstoffgehalt inzwischen kein Problem mehr. Sechs Milligramm pro Liter Rheinwasser gelten als Ideal für Fische und Pflanzen. „In den letzten Jahren haben wir eigentlich immer selbst das Minimum von fünf Milligramm pro Liter erreicht“, erzählt Dr. Engel. Wenn ihm und seinen Mitarbeitern etwas zu schaffen macht, dann sind es die steigenden Rückstände von Arzneimitteln, die sie zunehmend im Rheinwasser nachweisen. Michael Engel zuckt mit den Schultern: „Alles endet irgendwann im Rhein, im Einzugsgebiet leben bis zu 15 Millionen Menschen und deren Hinterlassenschaften gelangen eben auch in den Rhein.“

Berufsschiffer unter Druck
Alles, was sich in und auf dem Rhein abspielt, bleibt selten unentdeckt. Dazu trägt die Arbeit der Wasserschutzpolizei bei. Wenn Oberkommissar Patrick Linkenbach von der Mainzer Wasserpolizeistation zusammen mit seinen beiden Kollegen Gernot Klement und Nikolaus Hard im Polizeiboot WSP4 unterwegs ist, blickt er in den aufgeklappten Laptop vor sich. Sein Interesse gilt der so genannten „Schiffskontrolldatei“. WSP4 hat einen holländischen Frachter ausgemacht, der sich rheinaufwärts in Richtung Basel durch die Fluten pflügt, und nimmt Fahrt auf. Zweimal 490 PS können das Boot auf bis zu 50 Stundenkilometer beschleunigen. Im Computersystem ist jede Schiffskontrolle der letzten Wochen und Monate festgehalten. So weiß Linkenbach mit einem Blick, dass das Schubgütermotorschiff „Contargo 2“ in den letzten Wochen wegen eines fehlenden Leichtmatrosen an Bord aufgefallen ist. Ein Verstoß gegen die Sozialvorschriften und die vorgeschriebene Besatzungsstärke. Doch das Bußgeld, das in diesem Fall fällig wird, kommt den Schiffseigner immer noch billiger als das Gehalt, das er dem Matrosen zahlen müsste. Containerschifffahrt ist ein hart kalkuliertes Geschäft, in dem nicht nur Zeit Geld ist, sondern jeder zusätzliche Mann an Bord ein Kostenfaktor, der über Verlust und Gewinn entscheidet. Über Funk wird der Schiffsführer von der bevorstehenden Polizeikontrolle informiert – der bestätigt den Funkspruch und die Beamten legen ihre vorgeschriebenen Rettungswesten an. Das Polizeiboot schmiegt sich dicht an die Bordwand des Containerriesen, eine Aluminiumleiter stellt den Kontakt zwischen den beiden ungleichen Wasserfahrzeugen her. Der Weg zur Brücke an der schmalen Fußreling entlang ist ein Balanceakt, der etwas Übung erfordert und nicht ganz ungefährlich ist. Das Steuerhaus thront auf einem hydraulisch verstellbaren Mast, der sich hoch- und runterfahren lässt. Das ist vor allem für die Durchfahrten der unterschiedlich hohen Rheinbrücken wichtig. Die Beamten interessieren die Dokumente und Urkunden – in der Schifffahrt gibt es zahlreiche Regeln, die einzuhalten sind. Der Ton ist sachlich und freundlich. Auf dem Wasser scheinen die Beteiligten in der Regel ein entspannteres Verhältnis zueinander zu pflegen als an Land. Nur selten müssen die Polizisten etwa einen Schiffsführer ins berühmte Röhrchen blasen lassen. Ein Käpt‘n, der zu tief ins Glas schaut, sei heute in der Berufsschifffahrt kein Thema mehr, so Oberkommissar Patrick Linkenbach, was allein schon am großen Kontrolldruck liege, der auf dem Rhein herrsche.
Die Kontrolle ist nach wenigen Minuten beendet, alles ist in bester Ordnung. Die Besatzung von WSP4 steigt wieder in ihr Streifenboot über. „Contargo 2“ zieht weiter seine Bahnen auf dem Rhein. Bald schon ist er unserem Blick entschwunden, nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont. Der Fluss macht Platz. Und alle, die zu ihm kommen, nimmt er bereitwillig auf in seinem breiten Bett.

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