Flohmärkte – Zwischen Kultur und Kommerz

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Sterben die klassischen Flohmärkte aus?

Text: Carina Schmidt
Fotos: Julia Mosler

In Zeiten von Massenware und riesigen Einkaufszentren haben Flohmärkte einen besonderen Reiz: Hier lassen sich noch Unikate finden, hier sind die Waren nicht auf Konsumreize gedrillt und inszeniert. Schnäppchen zu niedrigen Preise und Stöbern für den Sammler. Doch das Profil von Trödelmärkten verändert sich: Konkurrenzdruck geht von Online-Plattformen oder Indoor-Flohmärkten aus und auch die klassischen Trödelwaren weichen immer stärker billig produzierten Neuwaren. Da deren Ausmaß an Sonntagen Überhand nahm, wurde 2011 in ganz Rheinland-Pfalz ein Sonntagsflohmarktverbot erlassen.

Früher wanderten Flöhe …

In Deutschland finden jährlich über 40.000 Flohmärkte statt. Den Namen verdanken sie dem mittelalterlichen Brauch, demnach Lumpenhändler die Garderobe von Fürsten verkauften, womit oft die Flöhe ihre Halter wechselten. Flohmärkte, wie wir sie heute kennen, entstanden Ende der 60er Jahre. Zehn Jahre später übernahmen erste Firmen deren systematische Organisation. Seit Ende der 80er Jahre überfluteten Neuwaren die Trödelmärkte. Heute liegt deren Anteil bei Sonntagsmärkten oft bei über 70 Prozent.

… und zum Schluss die Gesetzeshüter

In Rheinland-Pfalz sind sie deshalb verboten. „Ihr gewerblicher Charakter verstieße gegen das Landesfeiertagsgesetz.“ Sagte das Neustädter Verwaltungsgericht, das einen Sonntagsmarkt ablehnte. Nachdem Kommunen jahrelang ein Auge zugedrückt haben, drängt das Wirtschaftsministerium seit einiger Zeit auf strikte Einhaltung des Sonn- und Feiertagsschutzes.
Im Rhein-Main-Gebiet veranstaltet „Preuss Märkte“ seit 1983 die größten Flohmärkte. Zu Spitzenzeiten kamen sonntags über 5.000 Besucher auf rund 150 Standinhaber. Das Sonntagsverbot bedeutet für das Familienunternehmen 50 Prozent Umsatzverlust.
In Mainz betroffen sind die Sonntagsmärkte am Gutenberg-Center, an der Universität und auf dem Hechtsheimer Messegelände. Nicht wenige Besucher weichen nun nach Hessen aus. Derzeit läuft vor dem Koblenzer Verwaltungsgericht ein Musterverfahren, dessen Urteil am 4. April erwartet wird. „Wir hoffen auf eine Lockerung der Auflagen“, sagt Heike Preuss.
Ebenso hart trifft es Veranstalterin Helene Schmitt, die seit 30 Jahren im Raum Koblenz Flohmärkte veranstaltet. Ihr Sohn André Schmitt ist dort mit Imbissbetrieben vertreten. Für ihn ist das Verbot ein Skandal. Zahlreiche Menschen verlieren dadurch ihre Erwerbstätigkeit, andere eine existenzielle Möglichkeit, günstig einzukaufen. Und nicht nur das: „Tausenden wird eine lieb gewonne Freizeitbeschäftigung genommen, ein Ort des Zusammentreffens von Jung und Alt, der wirklich gelebten Integration.“ Deshalb hat Schmitt die Bürgerinitiative „Bürger für Flohmarkt“ gegründet und Mitte Januar eine bundesweite Unterschriftenaktion mit insgesamt 10.788 Unterstützern beim Landtag eingereicht. Seitdem ist wenig passiert. Zwar sei die CDU-Landtagsfraktion kurz vor den Wahlen bestrebt, Sonntagsflohmärkte zu erhalten, Kurt Beck habe sich bei einem Bürgerempfang dagegen nüchtern geäußert: „Ich nehme dieses Thema mal mit nach Hause. Aber Sie glauben ja gar nicht, wie viel Unterschriftenlisten täglich über meinen Schreibtisch gehen.“

Der Flohmarkt an der Universität

Es ist Samstag, zehn Uhr morgens: Auf dem Flohmarkt an der Universität hat die Rushhour begonnen. Das Publikum ist bunt gemischt: von der Hausfrau über den Sammler und Professor bis zum Migrant und Hartz-IVEmpfänger ist alles dabei. Gemütlich wird gestöbert, geplaudert oder zwischendurch eine Bratwurst verdrückt.
Mit den warmen Temperaturen steigt auch der Anteil an privaten Verkäufern, wie Karin Tiemann, die mit ihrem Mann Kleidung und Hausrat verkauft: „Wir haben unsere Wohnung umdekoriert und Sachen ausrangiert.“ Was macht für Sie den Reiz am Flohmarktkauf aus? „Dass man sich wie der Schnäppchen-King fühlt“, lacht eine Kundin. Vor zwei Jahren hat sie ihrer Tochter ein Polly Pocket-Flugzeug für 20 Euro gekauft, das neu 60 Euro gekostet hätte.
Mit dem hiesigen Warenangebot lässt sich auch der Lebensmittelbedarf abdecken, wie Brot, Milchprodukte oder Wurst. Die angebotenen Artikel stammen aus Überproduktionen, so wie die zwei Packungen Salami für einen Euro. Obst und Gemüse liefert Metin Ogan: „Wir haben günstigere Ware, weil wir sie direkt vom LKW aus Spanien oder der Türkei in Großmengen erhalten.“
Neben Gebrauchtwaren werden hier etwa 50 Prozent Neuwaren angeboten, darunter Batterien, Parfum, Zahnarztbesteck und Kleidung. „Das meiste kommt aus Firmenpleiten oder es sind Restposten“, erklärt Flohmarkthändler Zeki Asil. Er selbst kennt einige Leute aus dem Importund Exportgeschäft und kommt so an solche Bestände. „Von solchen Restposten Einkaufs-Deals profitieren Discounter wie Lidl oder Aldi“, behauptet der 50-Jährige. Asil hat eine typische Händler-Biografie. Vor sieben Jahren verlor er seinen Job als Techniker bei Schott. Dann öffnete er ein Geschäft auf der Boppstraße, das bankrott ging. Die übrig gebliebene Ware verkauft er auf Flohmärkten. Um konkurrenzfähig zu bleiben, würden die Händler auch untereinander Waren tauschen, wie Yu-Gi-Oh-Karten gegen Computerspiele. Problematisch sei aber, dass er nie nachprüfen könne, was davon Hehler-Ware sei. „Wer vom Flohmarkt lebt, geht immer das Risiko ein, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen.“ Seit der Wirtschaftskrise lohne es sich nicht mehr, auf Trödelmärkten zu verkaufen. Die Standgebühren stiegen und der Verkauf ginge zurück. „Die kleinen Leute haben kein Geld.“ Asil selbst verdient an einem Tag wie heute höchstens 180 Euro.

Die Indoor-Variante: McShelf

Umsatzprobleme kennt Guido Horak nicht. Er ist der Inhaber von McShelf in Bretzenheim, einem sogenannten Indoor-Flohmarkt. Die Idee ist simpel: Jeder kann sich einen oder mehrere Regalmeter zu einem Wochenpreis mieten, wo er seine Gebrauchtwaren zu einem fixen Preis zum Verkauf anbietet. „Die Vorteile liegen klar auf der Hand. Wir sind wetterunabhängig, haben niedrigere Kosten als auf den meisten Flohmärkten und an sechs Tagen die Woche geöffnet“, zählt Horak auf. Das bestätigt McShelf-Kundin Andrea Hofman. Sie nutzt den Indoor-Flohmarkt, um altes Spielzeug oder ausgelesene Bücher zu verkaufen. „Im Spitzenmonat mache ich bis zu 50 Euro. Manchmal sind es auch nur zwei, aber ich bin noch nie mit Null raus“, sagt die zweifache Mutter. Die Geschäftsidee entstand dem 42-Jährigen beim Besuch von Hallenflohmärkten im Ausland. Da überall ein elektronisches Warenverzeichnis fehlte, ließ er eine Software für seine Kunden entwickeln, die ihnen die Kontrolle des Verkaufsstatus ermöglicht. Mittlerweile besitzt Horak vier Filialen. Allein in Bretzenheim verkauft er 20.000 Artikel von 1.060 Verkäufern bei einem Tagesumsatz von circa 600 Euro. Haushaltswaren und Spielzeug laufen am Besten. Den Neuwarenanteil hat er auf 25 Prozent beschränkt. Horak hat vom Verbot der Sonntagsflohmärkte indirekt profitiert: „Jetzt sind unsere Öffnungszeiten gleich.“

Was offen bleibt, …

ist die Frage, ob das Kulturgut „Flohmarkt“ durch ein Sonntagsverbot bedroht wird oder ob nicht schon zuvor der Neuwarenanteil den ursprünglichen Flohmarktcharakter verzerrt hat. Während die einen am Trödelmarkt als „Gegenkultur zur Wegwerfgesellschaft“ festhalten, lassen sich Konsumtrends oder Fortschritte durch neue Medien nicht aufhalten. Trotzdem gibt es auch in Mainz noch Nischen, wie den Krempelmarkt am Rheinufer, wo nur Antikes, Krimskrams und Nützliches verkauft wird. Nicht minder attraktiv sind die zahlreichen Kinderbasare, auf denen gebrauchte Babyausstattung, Kleidung und Spielzeug verkauft werden. Die Zeit wird also zeigen, ob sich der traditionelle Flohmarkt in verschiedene Segmente verlagert und wir möglicherweise eine geliebte Institution verlieren. Oder ob einfach auch die Flohmärkte von einem tiefgreifenden Wandel durchzogen werden. Wir werden sehen.

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