Klein aber fein: Streifzüge durch den Stadtteil Weisenau

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Text: Katharina Bosliakov
Fotos: Elisa Biscotti

Ein deutlich sichtbares Wechselspiel von Modernität und Tradition, vielfältige Freizeitmöglichkeiten und kurze Wege zum Rhein: Der kleinste Mainzer Vorort hat eine ganz individuelle, sympathische Note.

„Seine Vergangenheit macht Weisenau so besonders“, sagt Udo Mosbach. Und er muss es schließlich wissen: Seit 44 Jahren lebt der Vorsitzende des Geschichts- und Brauchtumsvereins Mainz-Weisenau in diesem Stadtteil. Doch wie sucht man die Vergangenheit? Ist sie für jedermann sichtbar? Wer sich die Zeit nimmt und den flächenmäßig kleinsten Mainzer Vorort besucht, wird diese Frage mit „Ja“ beantworten. Eingerahmt von der Innenstadt, Hechtsheim, Laubenheim und dem Rhein, ist Weisenau auf knapp vier Quadratkilometer begrenzt. Unterwegs im Nordwesten Weisenaus, auf dem Bettelpfad Richtung Rhein, fällt ein grüner Wegweiser auf: „Via Sepulcrum Mogontiacum“, die Gräberstraße. Und tatsächlich: Zwischen Industrie- und Wohngebiet ist eine römische Straße rekonstruiert, entlang derer bis ins 4. Jahrhundert Begräbnisstätten errichtet wurden. In einem Freilichtmuseum sind Töpferöfen und Grabfunde ausgestellt. Vereinzelt bleiben einige Passanten stehen – moderne Mainzer inmitten von Überbleibseln der römischen Zeit. Im Jahr 12 v. Chr. hatten die Römer im Bereich des heutigen Steinbruchs ein Militärlager errichtet und ihm den Namen „Vicus Novus“ gegeben, was soviel wie „Neue Siedlung“ bedeutet. „Ich persönlich bin der Meinung, dass Weisenau älter ist als Mainz selbst“, meint Udo Mosbach und weist darauf hin, dass Weisenau schon um 50 v. Chr. eine keltische Siedlung war. Erst im Jahr 1192 wurde „Wizenowe“, wie es damals hieß – abgeleitet vom römischen Vicus Novus – erstmals urkundlich erwähnt. Gemeint war damit allerdings nicht mehr die Gegend am Steinbruch, sondern das Fischerdörfchen direkt am Rhein, der heutige Ortskern. Im Laufe der Jahre entwickelte sich durch Lautverschiebungen aus Wizenowe schließlich der Name Weisenau.

Vom Dörfchen zur dicht besiedelten Ortschaft

Heute leben etwas mehr als 10.000 Menschen hier, Weisenau ist fast dreimal so dicht besiedelt wie Hechtsheim. Freie Grundstücke wird man hier nicht finden: In dem ehemals bäuerlich-landwirtschaftlich orientierten Weisenau zwischen Göttelmannstraße und Rhein ist gerade noch Platz für Vorgärten, Hecken und hohe Tannen zwischen den einzelnen Häusern. Noch dichter ist die Bebauung im Ortskern, dem alten Fischerdörfchen, wo sich Haus an Haus drängt und aus Straßen Gassen werden. Die meisten davon steil und nur in eine Richtung befahrbar – ein Paradies für jeden Fahrlehrer.

So auch für Josef Baroli, der mit seiner Familie eine der ältesten Fahrschulen in Deutschland betreibt. „Wir haben hier große Straßen, kleine Gässchen und liegen autobahnnah, zum Üben ist das perfekt“, sagt Baroli. In der Fahrschule hängt eine Schwarz-Weiß-Fotografie von 1910. Sie zeigt Barolis Großvater mit Frau und Kindern in einem Opel-Fahrzeug. Drei Jahre darauf, 1913, wurde das erfolgreiche Familienunternehmen in der Hohlstraße gegründet und wird nun mittlerweile in der fünften Generation von Claudia Baroli geleitet. Die Familie freut sich auf 2013 – denn dann feiert sie 100-jähriges Firmen-Jubiläum.
Als echter Weisenauer weiß Josef Baroli, was diesem Stadtteil seinen besonderen Charme verleiht: „Die zahlreichen Vereine, die alle ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten.“ Für Interessenten gibt es ein breit gefächertes Angebot. Knapp 30 eingetragene Vereine, von Modellbau und Geflügelzucht bis hin zu den unterschiedlichsten Sportarten, laden zur Mitmachen am kulturellen Leben in Weisenau ein. Josef Baroli, selbst Mitglied im Carneval-Club, weist gerne auf die Weisenauer Kerb hin, die jedes Jahr im Juli von den Vereinen organisiert wird und auf dem Tanzplatz stattfindet. Diesmal wird vom 8. bis zum 10. Juli der Kerbejahrgang 1990/91 die Ortsmitte in ein Festgelände verwandeln.

Ein Stadtteil im Wandel

Schon immer war der Tanzplatz der Ort, an dem die Weisenauer öffentliche Feste feierten und ihre Märkte veranstalteten. Von dort führt eine weiße Brücke zum Rheinufer – im Übrigen die einzige Möglichkeit, um hier über die vielbefahrene Wormser Straße und die Bahnstrecke zu kommen. Doch einmal oben auf der Brücke angekommen, lässt man sich gerne mit der fantastischen Aussicht auf den Rhein entschädigen. Für Peggy Ahr ist das der schönste Fleck in Weisenau: „Mein Mann und ich kommen hier oft mit dem Fahrrad hin. Weil es richtig schön ist, fast wie im Urlaub.“ Zur Jahrtausendwende beschloss die Weisenau-Liebhaberin, eine Homepage ins Internet zu stellen. Doch wofür interessierten sich die Leute, welche Inhalte sollte sie anbieten? Peggy Ahr stellte fest: „Weisenau war im Netz praktisch nicht existent.“ So erweckte sie www.mainz-weisenau.de zum Leben. Und bis heute bietet die private Website die buntesten Informationen und zahlreiche Bilder rund um den Stadtteil.

„Mit anderen Stadtteilen kann man unseren schlecht vergleichen“, erklärt Udo Mosbach vom Geschichtsverein. „Der Ort hat eine sehr lange Historie, im Laufe der Jahre hat er sich komplett gewandelt.“ Und dieser Wandel war nicht immer nur positiv. Früher lebten die Menschen hier von der Landwirtschaft und intensivem Weinbau. Im Zuge der Industrialisierung wurde die Eisenbahnstrecke entlang des Rheins gebaut, größere Unternehmen wie die Zementwerke, aber auch Kleinbetriebe siedelten sich an. Einerseits seien dadurch natürlich Arbeitsplätze entstanden, andererseits habe Weisenau seinen alten Charakter zum Teil verloren, so Mosbach. Hinzu kam, dass die Hälfte des Stadtteils gegen Ende des Zweiten Weltkrieges komplett zerstört wurde und neu aufgebaut werden musste.

Ein Beispiel für die Kombination aus Neuerschaffung und Überbleibseln der Vergangenheit ist das Designhotel Quartier 65 an der Wormser Straße. Entworfen vom Architekten Max Dudler, mutet es mit seinen klaren Linien, dem Satteldach und den Außenwänden aus grauem Granit recht futuristisch an. Mit seinen sechs Zimmern zählt das 2001 erbaute Quartier 65 sicherlich nicht zu den größten Hotels – wohl aber zu den schicksten Herbergen der Stadt. Links neben dem Hotel geht es durch den „Hof Jungenfeld“, einen steilen Treppenaufgang, direkt ins alte Weisenauer Fischerdörfchen zurück. Der Verkehrslärm der vorbeifahrenden Fahrzeuge verstummt, beinahe steht die Zeit still. Entlang der Jakob-Sieben-Straße, benannt nach einem katholischen Pfarrer, stehen individuell gebaute und dekorierte Häuser dicht an dicht. Gerade mal ein einziges Auto kann sich durch die schmalen Kurven schlängeln. Barolis Fahrschüler hätten es hier sicherlich nicht allzu leicht.

Das grüne Weisenau

Der Aufstieg lohnt sich zu Fuß jedoch allemal: Zur Rechten erhebt sich fast schon majestätisch die katholische Kirche Mariä Himmelfahrt, das Wahrzeichen von Weisenau. Ihr satter Gelbton bildet bei gutem Wetter einen farbenfrohen Kontrast zum blauen Himmel. Zur Linken blickt man über die Dächer hinweg auf den Rhein und auf das gegenüberliegende Ufer Richtung Gustavsburg.
Wer eine Alternative zum Spaziergang am Rheinufer sucht, dem sei der rekultivierte Steinbruch im Südosten des Stadtteils empfohlen. Zugang zum 33 Hektar großen Gelände erhält man entweder über die Wormser Straße oder den Höhenweg. Von 1839 bis etwa 1970 wurde hier Kalkstein abgebaut und in den Zementwerken verarbeitet. 2008 übernahm der Entsorgungsbetrieb der Stadt Mainz die Pflege des Steinbruchs von der Heidelberg Cement AG. „Die Rekultivierung des Weisenauer Steinbruchs ist weitestgehend abgeschlossen“, sagt Ellen König von der Pressestelle der Stadt Mainz. Und tatsächlich erobert sich die Natur das Gebiet Stück für Stück zurück: Neben 236 Pflanzenarten haben zahlreiche Vögel, Amphibien und Insekten ein neues Zuhause im Steinbruch gefunden. Entlang der ausgewiesenen Wege erzählen Informationstafeln die Geschichte des heutigen Naherholungsortes.
Weisenau, der kleinste Mainzer Vorort, bietet also eine gelungene Mischung aus Altem und Neuem, aus Natur und kulturellem Leben und aus Tradition und Moderne: Vielfalt auf vier Quadratkilometern. Und Udo Mosbach liegt absolut richtig, indem er hinzufügt: „Es sind die Weisenauer selbst, die Weisenau so lebenswert machen.”

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