Lauter Lärm – Fluglärm über Mainz

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Text: Ejo Eckerle
Fotos: Michael Grein

Der quirlige Juwelier Richard Wagner ist in der tonangebenden Schicht von Mainz verwurzelt. Er ist kein Quengler und auch kein Berufsquerulant. Dem Präsidenten des Mainzer Carneval-Vereins ist jedoch schon lange nicht mehr zum Lachen zumute, wenn er an seine persönlichen Lebensumstände denkt. Denn Wagners Doppelhaushälfte steht auf der Frankenhöhe in Mainz Hechtsheim. Manchmal erinnert er sich noch daran, wie es früher einmal war. Wenn er in lauen Sommernächten in seinem Garten saß, hoch über ihm die Flugzeuge mit ihren blinkenden Lichtern. „Das war damals fast so was wie eine Sensation für uns.“ Es scheint, als könne er selbst nicht glauben, was er da sagt.

Dass nichts bleibt, wie es ist, gehört zu den Binsenweisheiten, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens lernt. Gleichwohl wollen manche, dass sich möglichst wenig ändert. Wer in diesen Tagen mit Bewohnern in Mainz und Rheinhessen spricht, trifft auch auf solche, die einiges ändern würden, wenn sie nur könnten. Um dann, so ihre Hoffnung, wieder so zu leben, wie es einmal war. Ein frommer Wunsch. Ob der Lufthansa-Airbus mit den Investmentbankern aus London, der Frachtjumbo mit seiner Ladung Wein aus Kapstadt oder der Ferienbomber aus Mallorca: Die Jets, die an manchen Tagen im Minutentakt über Richard Wagners Anwesen rauschen, sind für ihn heute Boten des Unheils.

Frankfurt International Airport: ein Gigant des Luftverkehrs. Gemessen an den Passagierzahlen lag Frankfurt 2010 hinter London und Paris – im Fracht-Bereich auf Platz zwei aller europäischen Flughäfen. 53 Millionen Menschen sind gestartet, gelandet oder umgestiegen, das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Spanien.

Mit der neuen Nordwest-Landebahn bei Kelsterbach, die diesen Monat in Betrieb geht, steigt der Flugverkehr voraussichtlich um weitere 40 Prozent. Die neue Anflugschneise zieht sich dann vom Mainspitzdreieck über die Oberstadt, von Bretzenheim bis Lerchenberg und Drais – parallel zur bestehenden Bahn im Mainzer Süden. Die Fraport beteuert: „Trotz dieser beträchtlichen Ausdehnung des Verkehrsvolumens werden wir alles daran setzen, die damit verbundenen Belastungen für Menschen und Umwelt möglichst gering zu halten. Aus diesem Grund ist ein neues Schallschutzprogramm in Vorbereitung.“ Dem Höher-, Schneller-, Weiter-Konzept der Fraport bläst heftiger Gegenwind der Fluglärminitiativen entgegen. Lärmgeplagte Bürger fordern ein neues Luftraumkonzept, das weniger Flüge nach Frankfurt vorsieht.

Bedrohtes Idyll macht rebellisch

Thomas Pajonk und seine Frau Britta Pajonk-Werner sind in eine Falle getappt. Vor drei Jahren hatten sie die Nase voll vom Verkehrslärm an der Koblenzer Straße in Mainz-Bretzenheim. Das war nicht das, was sie sich unter Lebensqualität vorstellten. Auf der Suche nach mehr Ruhe und Beschaulichkeit wurden sie in Ober-Olm fündig, zehn Kilometer südwestlich von Mainz. „Ich stand vor unserem Haus und dachte: ‚Wunderbar, du hörst hier nichts‘. Irgendwo in der Ferne krähte ein Hahn. Es war genau das, was wir wollten.“ Der kleine Weinbau-Ort ist mit einem milden Klima gesegnet. Die Regenmenge liegt im unteren Viertel deutscher Werte. Sorgfältig herausgeputzte Einfamilienhäuser verweisen auf soliden Wohlstand. Von dieser Idylle ist für den Unternehmensberater und seine Frau nicht mehr viel übrig geblieben. Darüber kann auch der beschauliche Koikarpfen-Teich im Garten nicht hinwegtäuschen: „Von Anfang an war es so, dass bei Ostwind landende Flugzeuge über uns flogen. Seit März aber fliegen sie auch noch viel tiefer als früher. Wir registrieren Flughöhen von durchschnittlich 1.200 Meter“, berichtet Pajonk. Er und seine Frau fühlen sich betrogen um ihr Recht auf Ruhe.

Die Deutsche Flugsicherung (DFS) bestätigt, dass niedriger geflogen wird. Dies sei aus „flugbetrieblichen Gründen“ unvermeidbar. Vor allem bei Ostwindlagen wird der Himmel über Rheinhessen zum Korridor auf Frankfurts Landepisten. Dummerweise herrscht genau diese Wetterlage an vielen schönen Sommertagen, im Jahr sogar an 70 Prozent aller Tage. „Sie können die Uhr danach stellen. 23 Uhr abends geht es los, dann wieder um fünf Uhr in der Früh und um acht Uhr ist Feierabend“, beschreibt Thomas Pajonk einen ganz normalen Tag. Unzählige Male hat er die Beschwerdestelle des Frankfurter Flughafens angerufen. Vermutlich wird er es ab dem 20. Oktober noch häufiger tun. Dann führt die Fraport über die so genannte Südumfliegung auch den startenden Flugverkehr über die Region und verschont dabei weder Mainz noch die angrenzenden Ortschaften. Wie viele seiner Mitstreiter aus der „Initiative gegen Fluglärm in Rheinhessen e.V.“ betont Pajonk: „Wir sind nicht generell gegen den Flughafen. Wir fordern einfach nur, dass anders geflogen wird. Und das ist auch möglich, wenn man nur will.“ Dass die Maschinen beim Anflug schon so früh auf niedrige Flughöhen sinken müssen, sei nahezu einzigartig in Europa. Warum die DFS das seit März so regele, habe für ihn nur den einzigen Grund: Kostenersparnis durch minimalen Personaleinsatz, etwa von Fluglotsen.

Politik reagiert zu spät

Die unglücklichste Figur im Streit um die Lufthoheit über Mainz und Rheinhessen macht die Politik. Rot-Grün und CDU schieben sich im rheinland-pfälzischen Landtag gegenseitig den schwarzen Peter zu. Eine Debatte im Innenausschuss endete erst kürzlich im Streit. Die Parteien überziehen sich mit gegenseitigen Schuldvorwürfen. Die CDU wirft der Landesregierung vor, sich des Themas Flugrouten zu spät angenommen zu haben. Die SPD verweist auf die hessische CDU-Regierung sowie auf das schwarz-gelbe Bündnis in Berlin, das entsprechende Gesetze verhindere.

Seit Ende März lässt das Land die Belastung für Mainzer Bürger in Weisenau messen. Ein wetterfestes, knapp 6.000 Euro teures Spezialmikrophon, das auf dem Dach eines Altenheims montiert ist, fängt rund um die Uhr sämtliche „Lärmereignisse“ ein. Daneben haben rund 50 Privatleute in Mainz ihre Dächer für Messanlagen zur Verfügung gestellt und liefern dem Deutschen Fluglärmdienst, einem Verein von engagierten Fluglärmgegnern, Daten.

Erste Ergebnisse der Messaktion des Landes gibt es bereits: Seit Mitte April 2011 häufen sich erhöhte Messwerte – vor allem in den Tagesrandstunden, zwischen 5 und 8 sowie 22 und 23 Uhr. Die Interpretation dieser Daten ist jedoch eine Wissenschaft für sich. Lärm ist ein psychologisch geprägter Begriff, ein „unerwünschtes, meist lautes Geräusch“. Relativ sicher ist: Ab 60 Dezibel Lärm – und das erzeugen die meisten Flugzeuge – wacht man in der Regel nachts auf. Häufig ist es aber nicht das einzelne besonders laute Geräusch, das stört, sondern die Menge an Ereignissen.

Wie krank macht Fluglärm?

Was Fluglärm anrichtet, dazu hat Professor Thomas Münzel von der Uniklinik Mainz eine klare Meinung: „Fluglärm erzeugt Bluthochdruck, der wiederum die wichtigste Ursache für Herzinfarkte und Schlaganfälle ist.“ In einer Studie untersucht er, inwieweit Fluggeräusche für Gefäßschäden verantwortlich sind. Gesunde Probanden werden im Schlaf Flugzeuggeräuschen von 65 Dezibel ausgesetzt. Am nächsten Morgen untersucht man sie mit Ultraschall und nimmt ihnen Blut ab. Professor Münzel zählt zu den profiliertesten Fluglärmgegnern in Mainz: „Dass Fluglärm mehr ist als nur eine Belästigung, sondern auch zu ernsten gesundheitlichen Schäden führen kann, ist eine relativ neue Erkenntnis. Aber sie muss Konsequenzen haben. Die Deutsche Flugsicherung darf nicht alleine bestimmen, wer in Zukunft einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleidet.“ Zu den wichtigsten Lämschutzmaßnahmen zählt seiner Meinung nach ein komplettes Nachtflugverbot zwischen 22 bis 6 Uhr morgens.

Der Widerstand wächst

Das Nachtflugverbot auf gerichtlichem Wege durchzusetzen versuchen Gemeinden, Privatleute und Bürgerinitiativen seit einigen Jahren. Die Stadt Mainz hat sich daran beteiligt. Die Kläger sehen sich mit Kniffen aus der Trickkiste eines komplizierten Verwaltungsrechts konfrontiert. Für die mündliche Verhandlung hat der Verwaltungsgerichtshof in Kassel nur einige Musterklagen zugelassen, sodass viele betroffene Kommunen und Privatkläger ihre Sache gar nicht vor Gericht vertreten können. Zudem steht den Klägern ein langer und verschlungener Instanzenweg bevor, der sie bis vor den Europäischen Gerichtshof führen kann.

Wieder einmal, so scheint es, stellen sich Ökonomie und scheinbar unvermeidliche Sachzwänge menschlichen Bedürfnissen in den Weg. Vor diesen Hindernissen staut sich ein Wut- und Protestpotenzial auf. Dieser Widerstand wächst nicht am gesellschaftlichen Rand, er reift in der bürgerlichen Mitte. Er erfasst Menschen wie Richard Wagner. Das, was sich über seinem Kopf täglich und vor allem nachts abspielt, ist für ihn „Terror“. Wagner hat etwas von dem Temperament seines berühmten Namensvetters. Einmal, als aus ihm während eines Telefonats mit der Fraport-Beschwerdestelle herausbricht, dass er „die Dinger da oben am liebsten abschießen würde“, erscheint drei Tage später die Polizei. Ein anderes Mal handelt er sich eine Strafanzeige mit dem Vorschlag ein, „die Wege zu den Terminals wochenlang zu verstopfen, um die Fraport an den Verhandlungstisch zu zwingen“. Allerdings stellte der Staatsanwalt das Verfahren vorzeitig ein.

Beide Vorfälle haben es nicht vermocht, dass Wagner seine Worte vorsichtiger wählt. Wenn sich nichts ändere, blieben als letzte Möglichkeiten nur ein massiver Protest und eine Behinderung der Fraport AG. Was genau er damit meint, verschweigt er dann doch lieber. „Intelligente Aktionen“ bräuchte es, deutet er an. Solche, bei denen dann auch der eine oder andere Fluggast darunter leide. Jedenfalls hält er das für effektiver als die Großdemonstration, die von den Fluglärmgegnern für den 22. Oktober in der Mainzer Innenstadt angekündigt wird. „Das ist Protest am falschen Ort.“ Auch zum Verhalten von Politikern rechts und links des Rheins fallen Wagner einige starke Worte ein. Druckreif sind sie nicht.

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