Mainz-Bretzenheim: Das Dorf in der Stadt

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Von Andreas Schröder
Fotos: Kristina Schäfer

In Bretzenheim läuft das Leben gemächlich. Der Stadtteil hat sich einen dörflichen Charme bewahrt, bietet ein buntes Vereinsleben und ist bei jungen Familien beliebt.

Die meisten Mainzer müssen schmunzeln, wenn man von ihrer Stadt als Großstadt spricht. Von den vier Innenstadtquartieren abgesehen, hat sich in einem Großteil der Ortsbezirke der dörfliche Charme und damit ein ganz eigener Charakter erhalten. Auf Bretzenheim, mit einer verbrieften Geschichte von über 1250 Jahren eine der ältesten Weinbaugemeinden in Rheinhessen, trifft das nur teilweise zu. Denn das einstige Dorf westlich von Zahlbach ist durch seine Nähe zur Universität, zu Hartenberg/Münchfeld und zur Oberstadt längst selbst Teil einer größeren Kernstadt geworden. Während das Leben im alten Ortskern über viele Jahre stillzustehen schien, entwickelte sich in den Randbezirken geschäftige Betriebsamkeit, lockten Neubaugebiete junge Familien an. Ein Rundgang durch das großflächige und sehr heterogene Bretzenheim muss also auch immer die Frage aufwerfen, was von der Identität Bretzenheims geblieben ist und wie sie heute aussieht.

Kontinuität und Leerstand
Wir beginnen unseren Rundgang im noch immer unumstrittenen Herzen Bretzenheims: im alten Ortskern vor dem historischen Rathaus. Hier residiert seit vielen Jahren der christdemokratische Ortsvorsteher Wolfram Erdmann – oft liebevoll und manchmal auch spöttisch der König von Bretzenheim genannt. Hier, im Schatten von St. Georg, finden noch immer die Höhepunkte im Kalender des Ortes statt. In den Straßenzügen veranstaltet der Vereinsring Jahr für Jahr das Brezelfest, die Freiwillige Feuerwehr ihren Tag der offenen Tür und hier endet auch der beliebte Bretzenheimer Fastnachtsumzug. Alteingesessene Geschäfte, wie die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Konditorei Nolda, vermitteln ein heimeliges Gefühl von Kontinuität. Aber auch eine andere Seite des „alten Bretzenheims“ wird im Ortskern deutlich: Leer stehende Ladenlokale prägen seit Jahren das Gesicht der Gegend zwischen Zaybachstraße, Bahnhofsstraße und An der Wied. Nur wenige Geschäfte können sich halten, zu groß ist die Anziehungskraft der Innenstadt auf die kaufwilligen Bretzenheimer. Das alte Roxy-Kino, seit inzwischen zwanzig Jahren ungenutzt, hat sich zu einem Symbol des Leerstandes entwickelt. Zwar haben sich in den vergangenen Monaten Interessenten für einige der Grundstücke gefunden, Hoffnungen auf eine neue Belebung des Ortskerns macht sich aber niemand.
Um einiges lebendiger geht es inzwischen auf den Äckern westlich der Koblenzer Straße zu. Anders als die Johannes Gutenberg-Universität, die zur Oberstadt gehört, befindet sich der neue Campus der Mainzer Fachhochschule mit den schon von weitem erkennbaren Studentenwohnheimen auf Bretzenheimer Gebiet.
Von der FH sind es nur wenige Meter bis zur Coface Arena, der neuen Spielstädte des Mainzer Bundesligisten FSV Mainz 05. Anfang Juli 2011 war es endlich so weit: 20.000 gut gelaunte Fans zelebrierten zusammen mit ihrem „Karnevalsverein“ den Umzug aus dem Bruchwegstadion in die neue Arena. Die Bretzenheimer verfolgten die Geschichte mit einem lachenden und weinenden Auge. Viele Anwohner befürchteten eine Belastung für den Stadtteil. Und nicht zu Unrecht: Anfängliche Verkehrsprobleme hatten Stadt, Polizei und der Verein zwar schnell im Griff, für anhaltenden Ärger sorgen aber die Stadionbesucher, die die Feldwege benutzen. Die Landwirte, die sich schon durch den Bau des Stadions wertvoller Flächen „beraubt“ sahen, erleben nun die allwöchentliche Verschmutzung ihrer Felder mit Bierflaschen und „Wurstpapierchen“. Die Stadt verspricht Besserung, sieht aber in erster Linie Mainz 05 in der Verantwortung.

Erfolgsmodell für Mainz
Südöstlich des Stadions, auf der anderen Seite der Koblenzer Straße, liegt die Feuerwache I der Mainzer Berufsfeuerwehr. 120 Feuerwehrleute und 30 Fahrzeuge stehen für Einsätze im gesamten Stadtgebiet bereit. Unterstützt werden sie von den Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr, die in Bretzenheim nur wenige Meter entfernt in der Zaybachstraße untergebracht sind. Die FF-Bretzenheim ist mit nur 32 aktiven Feuerwehrleuten gemessen an der Größe des Stadtteils von über 19.000 Einwohnern eine relativ kleine Wehr und hat immer wieder mit Nachwuchssorgen zu kämpfen.
Folgt man dem Ostergraben, der Marienborner-Straße und der Hans-Böckler-Straße, kommt man zur IGS Bretzenheim. Der gute Ruf, den die größte und älteste integrierte Gesamtschule in Mainz genießt, ist sicher ein Grund für den Erfolg dieser Schulform in der Landeshauptstadt. 2011 musste die Bretzenheimer Kerb, die seit Jahren auf den Freiflächen vor der IGS stattfand, notgedrungen in den Elsterweg umziehen. Der gewohnte Standort wurde für den Bau einer neuen Sporthalle und einer neuen Mensa für die IGS benötigt. Die Übergangslösung wurde so gut angenommen, dass sich der Ortsbeirat für den Elsterweg als Dauerlösung für die Kerb aussprach.

Lebendige Gesellschaft
Südöstlich der IGS liegt die Alte Ziegelei. Die Anlage wurde Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet und stellte über viele Jahre Ziegel für die stetig wachsende Stadt Mainz her. Bis zu 30.000 Ziegel, dem Äquivalent eines Zweifamilienhauses, konnten hier am Tag gefertigt werden. Erst nachdem die lokalen Lehm-Vorkommen Anfang der 70er Jahre aufgebraucht waren, wurde die Produktion eingestellt. 1978 erwarb die Stadt Mainz das Gelände, das 1992 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Heute finden hier regelmäßige Veranstaltungen wie das Ziegeleifest und die Mainzer Fahrradbörse am 15. April statt. Auch die Volkshochschule Mainz bietet hier Kurse an.
Die Alte Ziegelei liegt am Rande des Wasserlaufs des Wildgrabens. Dieser trennt Bretzenheim über weite Strecken von der Mainzer Oberstadt. Verlässt man die Ziegelei Richtung Süden, den Wildgraben im Rücken, und begibt sich auf einen kurzen Spaziergang über die Felder, kommt man nach wenigen Minuten am Stefanshof vorbei. Der Pferdesportverein Bretzenheim (PSV) hält auf dem Reiterhof mit angegliederter Tierheilpraxis seine Sommerturniere ab.
Der PSV ist nur einer von unzähligen Bretzenheimer Sportvereinen. Das Spektrum reicht vom Akademischen Reiterclub Mainz e.V. über den Mainzer Triathlon Verein bis zur Turn- und Sportgemeinschaft 1846 e.V. Auch abseits des Sports ist man in Bretzenheim gerne organsiert. Die Internetseite des Stadtteils listet über hundert Vereine auf. Darunter finden sich neben mehreren Fastnachtsvereinen auch Exoten wie die Interessengemeinschaft Mainzer Taxifahrer e.V. und der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer. Das Gros der Bretzenheimer Korporationen bilden aber gemeinnützige Zusammenschlüsse: Fördervereine für Kindertagesstätten oder Schulen, für die Freiwillige Feuerwehr oder für Kirchengemeinden.
Der Arbeitskreis Naturnahes Grün betreibt den Naturschaugarten an der Lindenmühle und die Stadtteil AG versucht – unabhängig von der Stadt Mainz – das Leben in Bretzenheim noch lebenswerter zu gestalten.
Auch wenn das Dorf Bretzenheim nicht wie etwa Gonsenheim mit einer „Breiten Straße“ als unumstrittenes Zentrum des Lebens im Ort aufwarten kann, haben sich die Bretzenheimer doch in ihren Festen und ihrem bunten Vereinsleben ein eigenes Stück Identität im Sammelgebilde Mainz erhalten.

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