Mainzer Stadtteile: Die Neustadt

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Text: Andreas Schröder
Fotos: Michael Grein

Sie ist eine Klasse für sich. 27.000 Menschen leben in der Mainzer Neustadt auf engstem Raum zusammen. Mit 7.000 Einwohnern pro Quadratkilometer ist der Stadtteil dreieinhalb mal so dicht bevölkert wie der Rest der Landeshauptstadt. Wäre die Neustadt eine eigene Gemeinde irgendwo im rheinland-pfälzischen Hinterland, stünden ihr als große Kreisstadt ein Oberbürgermeister und 36 Ratsmitglieder zu. Über 9.000 Einwohner, also ein gutes Drittel, haben einen Migrationshintergrund. Der Großteil von ihnen stammt aus der Türkei, aus Italien oder dem ehemaligen Jugoslawien. Gerüchten zufolge nimmt auch der Anteil der Schwaben immer weiter zu. Jeder Dritte hier ist entweder Schüler oder Student.
Das alles klingt nach einem Hexenkessel – und tatsächlich hat die Neustadt vor allem unter den älteren Mainzern einen gewissen Ruf weg. In Wirklichkeit ist das Zusammenleben hier aber fast immer friedlich. Nicht nur als Wohnort ist das Quartier besonders bei jungen Leuten sehr beliebt.

Aufbruch aus eigenem Elan

Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Mainz reist, kommt in der Regel in der Neustadt an. Der 1884 als „Centralbahnhof“ fertig gestellte Hauptbahnhof grenzt direkt an die südlich gelegene Mainzer Altstadt an. Folgt man dem Kaiser-Wilhelm-Ring oder der Boppstraße in Richtung Norden, merkt man schnell, dass in der Neustadt, die seit einiger Zeit den Stadtvätern als Einzelhandelsödland Sorge bereitet, Aufbruchstimmung herrscht.
Aus ehemaligen Dönerbuden sind inzwischen türkische Restaurants geworden. Mit dem „Bukafski“, einer gelungenen Kombination aus Buchhandlung und Café, und dem Steakhaus „Patagonia“ haben sich allein im letzten halben Jahr zwei interessante Geschäfte in der Neustadt angesiedelt. Zwischen Uhlandstraße und Goethestraße haben sich eine türkische Metzgerei, ein Bäcker und ein kleiner Lebensmittelhändler fest etabliert.
Folgt man der Goethestraße, die vom Kaiser-Wilhelm-Ring Richtung Rhein nach Osten führt, gelangt man auf den Goetheplatz. Die große Freifläche, die ihren Ruf als Schauplatz fragwürdiger Geschäfte der einen oder anderen Art nicht von ungefähr hat, ist heute ein Naherholungsgebiet für alle Teile der Bevölkerung. Besonders der große Kinderspielplatz mit seinem großzügigen Wasserspiel sticht sofort ins Auge. Finanziert wurde der 2004 fertig gestellte Platz aus Mitteln der „Sozialen Stadt“, einem Bund-Länder-Programm, das den Kommunen dabei helfen soll, vor allem in sozial schwachen Quartieren ihrem städtebaulichen Auftrag nachzukommen. Auch der weiter südlich gelegene Gartenfeldplatz und der Sömmerringplatz wurden in den vergangenen Jahren mit Hilfe der „Sozialen Stadt“ wieder beleb- und bespielbar gemacht.

Der erste grüne Ortsvorsteher

Verlässt man den Goetheplatz in Richtung Süden, kommt man, der Leibniz- und der Josefsstraße folgend, zur neuen Mainzer Synagoge. Den wenigsten Besuchern oder auch Bewohnern dürfte auf dem Weg dorthin in der Leibnizstraße 47 ein kleines Schild auffallen, das auf die Ortsverwaltung hinweist. Hier residiert Nico Klomann – nicht als Bürgermeister, sondern lediglich als Ortsvorsteher der Neustadt. Der grüne Lokalpolitiker löste 2009 in einer Stichwahl den langjährigen sozialdemokratischen „Platzhirsch“ Gerhard Walter-Bornmann ab. Der Erfolg der Öko-Partei dürfte nicht nur der damaligen Diskussion um den Bau eines Kohlekraftwerks in Mainz geschuldet gewesen sein, sondern auch einer starken jungen Wählerschaft in der Neustadt.
Viele Diskussionen hatte es im Vorfeld um den Bau der 2010 fertig gestellten neuen Synagoge gegeben, die an der Ecke Hindenburgstraße/Josefsstraße, dem heutigen Synagogenplatz, der alten jüdischen Tradition der Schum-Stadt Mainz neuen Glanz verleiht. Vor allem der gewagte Entwurf des Architekten Manuel Herz hatte für einige Debatten gesorgt. Das Gebäude zeichnet architektonisch den hebräischen Begriff „Keduschah“ (Erhöhung) nach.
Bevor die Hindenburgstraße auf dem Weg nach Süden in die Kaiserstraße mündet, kreuzt sie die kleine, beschauliche Frauenlobstraße. Hier findet der Erholung suchende Mainzer mit der „Fiszbah“, dem „Haddocks“, der „Annabatterie“ und der „Bagatelle“ gleich vier der prominentesten Cafés und Kneipen in der Neustadt. Wie überall in Mainz zeichnet sich auch hier die Gastronomie durch ein gemischtes und tolerantes Publikum aus. Ob Student oder Handwerker, Mutter oder Finanzbeamtin – in den Kneipen der Neustadt ist jedermann willkommen. Das gilt natürlich auch für lang etablierte Lokale wie das „Weinhaus Kurfürst“ einige Straßen weiter.

Der geplante Stadtteil

Die Kaiserstraße trennt den Stadtteil Neustadt von der Mainzer Altstadt. Nach einem Abstecher in die Frauenlobstraße hier angekommen, richtet sich der Blick – ob Mainzer oder Besucher – fast automatisch in Richtung Osten: Rheinwärts thront die evangelische Christuskirche, das protestantische Pendant zum Mainzer Martinsdom. Sie wurde 1903 nach den Plänen des sechs Jahren zuvor verstorbenen Mainzer Stadtbaumeisters Eduard Kreyßig vollendet. Kreyßigs Name ist aber nicht nur über den Bau der Kirche mit dem Quartier verbunden.
Die Neustadt ist kein gewachsener Stadtteil. Sie entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert nach den Plänen des noch heute in Mainz verehrten Stadtbaumeisters. Ein symmetrisches, gitterförmiges Straßennetz mit klaren Sichtachsen und vielen offenen Plätzen sollte nach Kreyßigs Willen den neuen Stadtteil prägen. Vieles davon lässt sich heute noch erahnen. Besonders beeindruckend ist der Blick die Boppstraße hinunter Richtung Süden: Direkt auf den weit entfernten Dom in der Altstadt.
Im Osten wird die Kaiserstraße von der Rheinallee gekreuzt. Folgt man ihr wieder Richtung Norden, fällt ein elfstöckiges Gebäude auf, das wie die Brücke eines Schiffes Richtung Rhein schaut. Es ist der Hauptsitz der Mainzer Stadtwerke AG. Der stadteigene Konzern versorgt die Landeshauptstadt nicht nur mit Trinkwasser und Energie. Die Stadtwerke haben heute eine Vielzahl von Tochterunternehmen und sind an weiteren beteiligt. Zusammen mit der weltweit operierenden Schott AG, die ihren Hauptsitz in der nördlichen Neustadt hat, sind sie der größte Arbeitgeber mit Sitz im Quartier.

Ein neues Viertel entsteht am Hafen

Die grüne Brücke wurde Ende der 70er gebaut. Ihre Grundidee: Der Fußgänger soll gar nicht erst bemerken, dass er eine Brücke über die viel befahrene Hauptverkehrsstraße passiert – die Brücke als gelungene Oase der Ruhe in der Hektik von Stadt und Verkehr. Über das eigentümliche Konstrukt gelangt man auf den Feldbergplatz. Von hier sind es nur noch wenige Schritte den Rhein entlang bis zum Mainzer Zollhafen mit seinem historischen Weinlagergebäude, das derzeit saniert wird. Die benachbarte Kunsthalle mit dem um 7 Grad geneigten, grünlich schimmernden Turm wurde bereits im März 2008 eröffnet.
Noch vor wenigen Monaten wurden auf dem 22 Hektar großen Gelände Container umgeschlagen. Das neue Containerterminal befindet sich heute weiter nördlich auf der Ingelheimer Aue. Im Zollhafen soll derweil ein neues Wohnquartier entstehen, das die Mainzer Neustadt wieder mit dem Rhein verbindet.
Eine erste vorsichtige Affäre zwischen den „Neustädtern“ und ihrem Zollhafen währte nur kurz. Im Frühjahr 2011, als die letzten Container geräumt waren und es langsam wärmer wurde, entdeckten die Menschen den verlassenen Industriehafen als Naherholungsgebiet. Nirgendwo sonst in Mainz hatte man so viel Platz und so viel Rhein allein für sich. Der südliche Zollhafen wurde zum Geheimtipp. Hier sonnte sich eine Studentin, da 25 Meter weiter, übten ein paar Jugendliche mit ihren Skateboards. Im Hintergrund geht ein Ehepaar mit dem Hund spazieren. Es war beschaulich. Seit dem Sommer rollen nun die Bagger. Wer den Zollhafen genießen will, muss warten, bis die Arbeiten abgeschlossen sind. Dass es dort jemals wieder so unbekümmert werden wird, scheint unwahrscheinlich.
Doch die städtebaulichen Ambitionen bleiben nicht auf den Zollhafen beschränkt. Auch die weniger entwickelten Bereiche zwischen Wallaustraße und Rheinallee sollen aufgewertet werden. Das gilt besonders für die nördliche Neustadt zwischen Goethestraße und Kaiser-Karl-Ring. Rund um die Kommisbrotbäckerei, ein Gebäudekomplex, der derzeit noch von der Bundeswehr genutzt wird, soll ein neuer Quartiersplatz entstehen.
Die Neustadt ist ein aufregendes Pflaster. Sie verändert sich ständig und es gibt viel zu entdecken.

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