Mein Leben, mein Computer, mein Blog

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, Morvyn



von Nicola Diehl
Fotos: Katharina Dubno

Blogger – was sind das eigentlich für Menschen? Sie verbringen unzählbare Stunden damit, die digitale Welt mit Zeichenstoff zu füllen. Geld verdient kaum einer von ihnen damit. Trotzdem hat sich seit Mitte der 90er Jahre eine riesige Blogosphäre entwickelt. Ein paar Sternchen davon finden wir auch in Mainz. In jedem der Netzjournale steckt viel von der Person, die dahinter steht.

Evelyn Dragan – Das Mädchen mit der Kamera

Der Blog von Evelyn Dragan (23 Jahre) verrät viel über ihr Leben. Denn „konfektkonfekt“ ist ein reiner Fotoblog. Zu sehen sind häufig Menschen – Momente, die sie mit ihren Freunden verbringt. Die Bilder wirken wie Schnappschüsse und sind es auch oft, verrät Evelyn. „Nur selten fotografiere ich Motive, zu denen es vorher ein Konzept gibt.“ Die Spontaneität ist den Bildern anzusehen. Bewegungsunschärfe und unperfekte Belichtung zeugen davon. Text existiert kaum. „Die Bilder sollen für sich sprechen“, erklärt sie. Auch die Gestaltung des Blogs ist minimalistisch gehalten. Auf weißem Hintergrund formieren sich die Fotos, die Evelyn mit ihrer analogen Spiegelreflexkamera geknipst hat.
Eine feste Zeit zum Bloggen hat die 23-Jährige nicht, denn hauptsächlich studiert sie Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Mainz. „Meist nutze ich die Nachmittage, je nachdem, wie ich Zeit habe.“ Bevor die Bilder auf dem Blog landen, müssen die Negative in einem Scanner an der FH digitalisiert werden. Dann trifft sie sich dort mit Freunden zur „Scan-Party“, wie sie die oft zeitraubende Arbeit nennt.
Mit einigen ihrer Leser hat Evelyn sich auch schon im realen Leben getroffen. Darunter sind Menschen, die auch Blogs betreiben und Lust auf Austausch haben. Daraus entstehen wieder neue Projekte. Blog-Leben und reales Leben sind also miteinander verbunden.

www.konfektkonfekt.blogspot.com

Angelika Wende – Ich blogge, also bin ich

Auch bei Angelika Wende (52 Jahre, freischaffend) verschmelzen die Grenzen zwischen Blog und Person. „Zwischen innen und außen“ nennt sie ihr Webtagebuch, in dem sie sich intensiv mit gesellschaftlichen Problemen und eigenen Erfahrungen auseinandersetzt. Ihre Erzählungen sind emotional, handeln von Liebe, Schmerz, Beziehungen und der unendlichen Schwierigkeit des Seins. Keine leichte Kost, aber dennoch sehr ‚wahr‘. 2010 hat sie mit dem Bloggen begonnen. Der ursprüngliche Grund war ein pragmatischer. „Ich hatte damals meinen zweiten Roman begonnen und den ersten nie an einen Verlag geschickt“, erzählt sie. „Dann habe ich ein paar Passagen einfach mal ins Netz gestellt, um Feedback zu erhalten.“ Das war durchweg positiv, sodass sie nun fast täglich Netzlyrik dichtet. Jeden Tag beginnt Wende am Laptop: „Ich stehe morgens auf, mache mir einen Kaffee und bevor ich irgendetwas anderes mache, schreibe ich eine Geschichte.“ Inspirieren lässt sie sich vom Leben, von den Personen, die sie trifft und alltäglichen Situationen. Manchmal sind es auch abstrakte Gedanken, um die sie eine Kurzgeschichte bastelt, oder diese landen als „Gedankensplitter“ im Blog. Das kann sich bisweilen auch aggressiv lesen: „du spast, du schwule sau. er schlug ihm ins gesicht. Ein mal, zwei mal, drei mal, (…), mitten ins gesicht. die knöchel seiner hände schmerzten. Das gesicht schrie: hör auf! immer wieder: bitte, hör auf! er fühlte nichts, nur diese leere, wo man was hätte fühlen sollen“ beginnt ein Eintrag, der sich mit der Gewaltbereitschaft Jugendlicher auseinandersetzt. „Ich schreibe über solche Dinge, um mich intensiv damit auseinanderzusetzen und solche Handlungen zu verstehen“, erklärt Wende. Seit sechs Jahren wohnt sie im Künstlerquartier „Alte Patrone“. In der Ruhe oben auf dem Hartenberg malt sie außerdem Bilder, arbeitet als freie Journalistin, ist Moderatorin und beteiligt sich aktiv an der Mainzer Kulturszene.

www.angelikawende.blogspot.com

Jannis Kucharz – Der Nachrichtensammler

Während sich Angelika Wende mehr für Text und Evelyn Dragan für die Fotovariante entschieden haben, vermischt Jannis Kucharz beide Elemente in seinem „netzfeuilleton“. Der Inhalt bleibt trotzdem das Wesentliche. Denn netzfeuilleton ist ein Nachrichtenblog. Der 24-jährige Publizistik- und Filmwissenschaftsstudent setzt sich kritisch-humoristisch mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Das Spektrum ist weit gefasst: von Politik über Film bis hin zum satirischen „Siebbelag“ reicht die Bandbreite. Die Themenbereiche hüllen sich in innovative Wortkleider wie „Laden und Klicken“ für IT-Themen und „Bewegen und Beschäftigen“ für Politik und Gesellschaft. Dahinter steckt harte Arbeit. Alle Artikel sind von Jannis und seinem Mitautor „Pell“ verfasst, der in Regensburg wohnt. Der Blog der beiden ist sehr erfolgreich und wurde im Rahmen der Debatte zur Schließung der Internetseite ‚Kino.to‘ bereits von Spiegel-Online zitiert. Damit haben Jannis und Pell genau das geschafft, was sie motiviert: „Ich will was los werden können, wenn ich was los werden will. Und das sollen die Leute auch lesen“, erklärt Jannis, „ansonsten könnte ich auch ein Tagebuch schreiben.“ Außerdem will sich der Publizistikstudent mit dem Blog auch einen Freiraum schaffen, um verschiedene journalistische Formate auszuprobieren. Seit Sommer versucht er sich auch in Videobeiträgen. „Das macht mir sehr viel Spaß, weil es neu ist.“ Produziert wird mit einfachsten Mitteln: Iphone mit Stativ und Youtube reichen, um die bewegten Bilder in die Netzwelt zu bringen. Auch für die Zukunft gibt es Pläne. Die netzaffinen jungen Männer möchten mit ‚newshype‘ einen Nachrichten-Aggregator gründen. Was das ist? Eine neue Möglichkeit, Nachrichten zu filtern und zu sortieren. Newshype soll die meistverlinkten und diskutierten Artikel der deutschen Blogosphäre sammeln und gebündelt abbilden. Ein Gatekeeper der ganz neuen Stunde also.

www.netzfeuilleton.de

Tim Sobczak – Vom Mettwoch zum Wurstblog

Mit Humor nimmt es Tim Sobczak (36 Jahre). In seinem Blog gibt es Wurst ohne (!) Ende. Tim ist Kreativdirektor in einer Wiesbadener Agentur für digitale Kommunikation und sein Beruf spielt eine wichtige Rolle in der Entstehungsgeschichte von „wurstblog.de“. Angefangen hat alles 2008. „Damals machte sich so eine komische Vegetarismus-Welle bei uns in der Agentur breit. Mein Kollege Flo und ich haben uns immer ein bisschen lustig darüber gemacht“, grinst Tim. Und so kam es, dass die zwei den „Mettwoch“ ins Leben gerufen haben. Jeden Mittwoch gab es zur Mittagszeit bergeweise Mettbrötchen. Zwar konnte sich der wurstlastige Mittagstisch in der Agentur nicht durchsetzen (als wir uns zum Interview trafen, gab es frischen Obstsalat!), doch der Wurstblog ist bis heute erhalten geblieben. Weil Wurst einfach lustig ist: „Schon das Wort allein ist lustig, klingt komisch und sieht typographisch witzig aus“, sagt der Textfachmann. Außerdem ist Tim inspiriert vom Wurst-Humor, wie ihn in Deutschland einst das Satire-Magazin Titanic gepflegt hat. Auf dem Blog findet der Leser auch wirklich alles rund um die Wurst: von Wurstcocktails wie ‚Wiener Colada‘ oder ‚Blutwurst Mary‘, über Wurstgeburtstagskuchen bis hin zur kohlehydratarmen Variante des Mettbrötchens – mit halber Riesenzwiebel statt halbem Brötchen unter dem Mett. Zum Lachen animieren satirische Texte, die Tim in abstrakte Höhen schraubt.
Seinen Blog betreibt er auch, um neben seiner seriösen Agenturarbeit einfach mal frei Schnauze über „Nonsens“ schreiben zu können. Trotzdem nimmt Tim die Sache ernst. „Ich will schon erfolgreich sein mit dem Blog und möchte, dass er gelesen wird“, sagt er entschieden. Merchandise-Shirts mit diversen Wurst-(Wort-)Witzen gibt es daher auch. Dass der ‚man behind‘ auch ein ziemlich sarkastischer Vogel ist, liegt auf der Hand. Als einziger unserer Blogger besitzt der „Kommunikationsprofi“ übrigens kein Handy.

www.wurstblog.de

Andreas Fitza – Die Geschichte von Hopfen und Malz

Zum Wurstblog gesellt sich der Bierblog von Andreas Fitza (31 Jahre). „microbier.com“ ist fast schon Fachgesimpel. Der Blog enthält ein kleines Bier-Lexikon und erklärt den Brauprozess in einer Schritt-für-Schritt-Anleitung. Fitza, auch als Vorsitzender der Kulturinitiative Pengland bekannt, weiß, wovon er spricht. Nicht nur, dass er gerne Bier trinkt, das Bierbrauen ist neben dem Filmemachen seine große Leidenschaft. Auf dem Balkon seiner Eltern testet er derzeit mit Kesseln und Flaschen einige neue Sorten aus. Die Zutaten, die Inspiration und die Faszination dafür holt er sich aus den USA. „Die haben dort eine riesengroße Biervielfalt. In den Alkoholläden gibt es über 150 verschiedene Biersorten“, schwärmt Fitza. Und die stammen nicht nur von Großbrauereien, sondern dort hat sich eine ganz eigene Bierkultur entwickelt, die auf Handwerk, Selbstgemachtes und Individualität setzt. 1.600 Kleinbrauereien zählen die USA. Auf dem microbier-Blog gibt Fitza unter der Rubrik „bierfernsehen“ einen Einblick in den Charakter dieser eigensinnigen Bierkünstler, die ähnlich wie die Computer-Tüftler in den 80er Jahren als Garagenunternehmen begonnen haben. Fasziniert von der leicht punkig-humorvollen, aber dennoch auf gutes Handwerk bedachten Bierkultur ist er zum Bierbrauen und darüber hinaus zum Bloggen gekommen. Seinen Blog versteht er als Plattform und freut sich, wenn andere Menschen Interesse an dem Thema zeigen und selbst Artikel schreiben. Seine Peng-Kollegen erfreut er nebenbei mit jeder Menge verschiedener Biersorten zum Testen. Cheers!

www.microbier.com

Unsere kleine Blogschau hat unterschiedlichste Blogs und Charaktere zutage gefördert. Während der eine etwas kund tun will, möchte die andere etwas zeigen. Wieder andere regen zum Nachdenken an und manchmal geht es einfach nur um den Spaß und Humor. In jedem Fall gehört einiges an Motivation und Ausdauer dazu, ständig neue Inhalte zu produzieren, bei denen noch nicht einmal klar ist, ob sich jemand dafür interessiert. Auch deswegen haben sich mittlerweile viele Blogs und potenzielle Blogger in soziale Netzwerke wie Facebook ausgelagert. Und so steigen die Chancen, dass auch speziellste Blogs ihre Leser finden.
Und zu guter Letzt sei noch ein Rätsel geklärt: DER Blog ist nach deutscher Rechtschreibpolizei (auch) richtig.

Mehr interessante Mainzer Blogs:

www.schoener-denken.de/blog
www.humanizedinterface.de
www.mein-mitbringsel.de
www.ficko-magazin.de
www.magnetkoepfe.tv
www.reigen-blog.com
http://bigod.net
http://kackblog.net
http://blog.einfachnachhaltig.de
http://nurgutefrauen.tumblr.com
http://mainzdailyphoto.blogspot.com
http://dollface-is-candysweet.blogspot.com

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2 Antworten zu Mein Leben, mein Computer, mein Blog

  1. Freut mich sehr, dass wir auf der Liste stehen :-) Zwei Mainzer Blogs fehlen noch auf der Liste: Das Kinoblog NEGATIV und das Umweltblog U wie Umwelt von Axel Weiss – beide eher inhaltsschwer als privat-persönlich, aber sehr lesenswert.

  2. Pingback: 3 Jahre netzfeuilleton.de | netzfeuilleton.de