So wohnt Mainz: Bayrisch-Barock

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Text: Monica Bege
Fotos: Frauke Bönsch

Die Menschen beten zum Heiligen Antonius, um Verlorenes wiederzufinden. Beim zugezogenen Bayer Ludwigmaria Bickel ist der Heilige mannshoch, steht im Eingangsbereich seiner Altstadtwohnung und schmückt sich mit einem 05-er Schal. Auf jeden Fall begrüßen uns die beiden Mannsbilder an der Wohnungstür, nachdem wir 48 Stufen zu der kleinen Mansarde in der Gaustraße erklommen haben. Er habe viel gesammelt und jedes Stück erzähle eine eigene Geschichte, lässt uns Bickel wissen. So verstaubte die kostbare rund 200 Jahre alte klerikale Holzfigur lange Zeit unbeachtet auf einem rheinhessischen Dachboden, bis Bickel gefragt wurde: „Möchtest du sie vielleicht haben?“ Der erste Eindruck der Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung: Hier gibt es keine freie Wand, dafür aber viele Kleinode zu entdecken. Ludwigmaria, der Märchenkönig und die Kirche „Ich bin ein Bayer. Vater und Großvater hießen Ludwig und dann noch die schönen Schlösser, mit deren Einnahmen der Freistaat heute seinen Kulturhaushalt bestreitet – ja, ich bin ein Ludwig-Fan!“, bekennt der gebürtige Passauer. Wenn auch psychisch krank, so habe Ludwig II. nie Krieg geführt und den in materielle Not geratenen Richard Wagner finanziell unterstützt. Ob Büsten, Bilder, Literatur – der Märchenkönig ist auf den 63 Quadratmetern omnipräsent.
Mit dem Ansinnen, die Priesterlaufbahn einzuschlagen, ging der 22-jährige Ludwigmaria auf das Ketteler-Kolleg nach Mainz. Ein Ordensmann wurde er nicht, dafür aber 33 Jahre lang Verwaltungsgeschäftsführer des Ketteler-Wohnheims im Münchfeld, wo er auch eine Wohnung bezog. Nach dessen Schließung 2001 bot ihm die Kirche den Posten des persönlichen Urkundenschreibers von Kardinal Lehmann an. Abgegeben und verkauft – der Umzug vom Hartenberg in das kleinere Innenstadtdomizil dezimierte seine Sammelobjekte so notgedrungen um ein gutes Drittel. Dennoch bleibt ein beträchtlicher Rest erhalten: allerlei sakrales Gut und geschichtsträchtiges Mobiliar, alte Uhren – groß und klein, viele Bilder und Bücher. Wir blicken uns um und finden immer wieder neue Details, wähnen uns in einem Antiquariat. Für den 67-Jährigen jedoch keine reine Dekoration, er benutzt viele Gegenstände im täglichen Gebrauch: So beherbergt der hölzerne Uhrenkasten in der Küche allerlei Gewürze und gesammelte Klavierhocker dienen als Beistelltisch oder vor dem Grammophonschrank als höhenverstellbarer Hocker. Neben Telefon und Fernseher finden sich in der Wohnung nur sehr wenige Geräte der Morderne.

Von Kindheitsträumen und Holzbeinen

Carl Zuckmayer hat es ihm angetan: In den Regalen tummeln sich rund 150 teilweise mit Widmungen versehene Originalausgaben. Den 1896 in Nackenheim geborenen Schriftsteller kannte Bickel persönlich und er ist Gründungsmitglied der vor knapp 40 Jahren ins Leben gerufenen Carl-Zuckmayer-Gesellschaft e.V.. Dennoch möchte Bickel sich nun von seinen literarischen Schätzen trennen. Die Zeit des Sammelns sei vorbei, er habe keine Kinder und die Neffen interessieren sich nicht dafür, erklärt er diesen Schritt. Auch seine 49 grau-blauen Schnupftabakflaschen, vorwiegend aus dem bayrischen Raum, sollen ein neues Zuhause bekommen. Über ihnen wacht solange noch der an der Wohnzimmerwand hängende Barockengel. „Als Kind hatte ich drei Wünsche, die ich mir erfüllen wollte: eine Mutter Gottes, einen Bauernschrank und ein Schaukelpferd.“ Bickel steht im Wohnzimmer vor einer Vitrine, darauf eine gotische Madonna, für die er seinen ersten Lohn ließ. Seine beiden anderen Sehnsüchte finden sich im Schlafzimmer: der Schrank ist riesig, das Pferd hölzern und irgendwann einem italienischen Karussell entsprungen. Ein in der Ecke stehender meterhoher Schmerzensmann mit Dornenkrone schaut in sich versunken auf das Jugendstilbett herab. Da lupft ihm der Bayer schnell mal das Gewand und weist auf die Schwächen einer Stilepoche hin: „Ja, im Barock hat man nur die schönen Seiten gezeigt.“ Ein wunderschön ausdrucksstarkes Gesicht, fast wie Porzellan, die Arme beweglich, aber die verhüllten Beine sind nicht ausgearbeitet und ähneln mehr einem Kantholz.
An der anderen Wand dagegen ein Stück gelebte Religion: den aus der Haushaltsauflösung des 1988 verstorbenen Kardinal Volk stammenden Betschemel hatte Bickel tatsächlich in Gebrauch, doch inzwischen möchte er ihm sein Gewicht nicht mehr zumuten, lacht er. Heutzutage gibt die Kirche ihre religiösen Gegenstände nicht mehr so schnell her, man möchte Platzierungen an inopportunen Orten vermeiden. In Kirche und Kunst kundig tritt Ludwigmaria seinen Reliquien – wenn auch manchmal mit einer kleinen Schippe Humor – mit gebührendem Respekt entgegen. Er erzählt ihre Geschichte und sie werden dadurch ein wenig lebendiger. Nur eine Frage der Zeit, für diese Wohnung voller Kostbarkeiten aus unterschiedlichen Epochen und den in Kirche, Kunst und Geschichte kundigen Erzähler – Danggsche und Pfia God! (das war bayrisch).

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Eine Antwort zu So wohnt Mainz: Bayrisch-Barock

  1. John Poziemski sagt:

    Viele Grüße an Ludwig B. Ich habe in den 70er Jahren (1974-5) im Ketteler-Kolleg gewohnt. Ein ganz tolle Zeit!!