Tatort Mainz – Verbrechen in Mainz gestern & heute

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Text: Ejo Eckerle
Fotos: Daniel Rettig & Elisa Biscotti

Ein Toter in einem Kellerverschlag, eine halb verweste Frau in einer Dachwohnung, ein Selbstmörder angespült am Rheinufer bei Laubenheim, das ist die bisherige Bilanz für die Mainzer Polizei in diesem Jahr, was unnatürliche Todesfälle angeht. Mord und Totschlag sind zwar seltene Ereignisse, die die geschäftige Landeshauptstadt aufschrecken, umso mehr übt das Verbrechen eine eigenartige Faszination aus. Wer Mainz als Schauplatz von Kapitalverbrechen kennen lernen möchte, hat dazu auf einem sehr speziellen Stadtspaziergang Gelegenheit.

Das kleine Grüppchen, das sich an einem friedlichen Sonntagnachmittag vor dem Marktportal des Mainzer Doms versammelt, blickt gespannt auf einen großgewachsenen, 63-jährigen Herrn mit eisgrauem Schnauzbart und stattlichem Bauchumfang. Es ist Helmut Lehr. Der pensionierte Sozialversicherungs-Angestellte streift als freiberuflicher Stadtführer mit Touristen durch die Gassen der Altstadt. Wer mit ihm unterwegs ist, hat die Wahl. Es wird entweder blutig, sehr blutig oder grausam blutig, man muss es ihm nur sagen, welche Variante er schildern soll. Wenn er mit fester Stimme über Mordtaten aus früheren Zeiten erzählt, kann er sich auf Wunsch in gräulichen Einzelheiten verlieren. Als ausgewiesener Kenner der Mainzer Geschichte weiß er über ihre dunklen Kapitel Bescheid. Eines davon ist untrennbar mit der Historie des Mainzer Domes verbunden.
Im Zwielicht des düsteren Kirchenschiffs versammelt sich die kleine Schar Neugieriger vor der Galerie Mainzer Erzbischöfe. Eines der Glasfenster zeigt das stilisierte Bildnis des Arnold von Selenhofen. Seine Amtszeit von 1153 bis 1160 endete tödlich. Durch Kaiser Barbarossa ins Amt gekommen, war er von der Mainzer Bevölkerung wenig gelitten. Der Konflikt eskalierte, als Selenhofen von den Bürgern zusätzliche Steuern forderte. Er brauchte das Geld, um den Kaiser bei dessen Italienfeldzug zu begleiten. Die Mainzer dachten jedoch nicht daran, dem Befehl des ungeliebten Kirchenfürsten zu folgen, weil sie darin einen Angriff auf ihre verbrieften Freiheitsrechte sahen. Selenhofen verschob die Klärung der leidigen Angelegenheit, wenn er aus Italien wiederkommen sollte. Bei seiner Rückkehr machte er vor den Toren der Stadt Station im Kloster St. Jakob auf dem Jakobsberg, der heutigen Zitadelle. Am Johannistag, dem 24. Juni 1160, stürmte eine aufgeregte Meute das Kloster, dessen Abt sich mit den Aufständischen verschworen hatte, und ermordete Arnold von Selenhofen und dessen Bruder. Die Leichen warfen die Aufrührer in eine Mistgrube. Die Folgen für die Stadt Mainz waren fatal: Da Bischofsmord als besonders schweres Vergehen galt, hielt der Kaiser Strafgericht über die Täter. Die Rädelsführer, unter ihnen der Abt, wurden verbannt, die Stadt verlor ihre Rechte und Freiheiten und die Stadtmauer wurde zerstört.

Kirche, Karneval und Mordlust

Auch der Dom war schon Schauplatz eines Verbrechens – allerdings lediglich in der Fantasie von Carl Zuckmayer. Der lässt in seiner Erzählung „Die Fastnachtsbeichte“ den jungen Ferdinand Bäumler durch einen Dolchstich zu Tode kommen, ausgerechnet in einem Beichtstuhl und noch dazu an Fastnacht. Der Schauplatz, den Zuckmayer beschreibt ist echt, die Tat allerdings reine Fiktion.
Die gesellschaftlichen Fixpunkte Mainz, Karneval und Kirche beflügeln auch rund 70 Jahre später manche Autoren: In der SWRProduktion „Der gelbe Unterrock“ (1980) zeigte die „Tatort“-Reihe finstere Gestalten aus dem Drogen-Milieu (darunter Rolf Zacher), die einen psychisch gestörten jungen Mann und seine perversen Neigungen benutzen, um ein junges Mädchen, das ihnen gefährlich werden könnte, aus dem Weg zu räumen. Der junge Wirrkopf lässt sich darauf ein. Das Mädchen wird tot aufgefunden, und für die Polizei ist der Psychopath der Mörder. Nicht nur sie, sondern auch die aufgebrachten Angehörigen der Toten machen fortan im Mainzer Karneval Jagd auf den Jungen, wobei dann auch schon mal aus Versehen auf Unbeteiligte geschossen wird. „Der gelbe Unterrock“ aus Mainz gilt als eine der wenigen „Tatort“-Folgen, die nach ihrer Erstausstrahlung nie wieder gezeigt wurden. Angeblich sei der Film so schlecht gewesen, dass sogar die zuständige Redakteurin geraten habe, das Werk im „Giftschrank“ verschwinden zu lassen. Die SWR-Pressestelle weiß zwar nichts von einem Wiederholungsverbot, gibt aber zu bedenken: „Wenn man „Tatort“-Filme aus diesen frühen Jahren senden will, gibt es in jedem Fall gelungenere Ausgaben, sodass es sich nicht lohnt, sich mit einer schon damals als nicht gelungen bewerteten Episode noch einmal zu beschäftigen.“

Wenn Täter und Opfer sich kennen …

Wenn der Mainzer „Mord-Experte“ Helmut Lehr seine Zuhörer in den Hinterhof des Hauses Heiliggrabgasse 12 führt, hat er nicht die gelungene Sanierung der Altstadthäuser im Sinn, die sich dort gut besichtigen ließe. Ihm geht es um ein Verbrechen, das sich 1966 dort zugetragen hat. Im Erdgeschoss war damals ein An- und Verkaufsgeschäft untergebracht. Eines Tages wurde der Besitzer in seinem Laden tot aufgefunden. „Man hatte ihm den Schädel eingeschlagen, er hatte Stichwunden im Rücken und ihm war in die Brust geschossen worden“, schildert Lehr den Zustand des beklagenswerten Opfers. Von den Tätern fehlte zunächst jede Spur, erst ein halbes Jahr später wurden sie in flagranti bei einer ähnlichen Tat in Süddeutschland aufgegriffen. Der berühmte Kommissar Zufall half, das Geschehen aufzuklären. Erfahrene Kriminalisten wissen, wenn zwischen Tätern und Opfern keine engen Beziehungen bestehen, wird es schwierig und dauert es mitunter lange, den Fall zu lösen. Mordtaten sind meistens Beziehungstaten, das heißt, Täter und Opfer kennen sich, sind verwandt oder befreundet. Was wiederum die relativ hohe Aufklärungsquote dieser Tatbestände erklärt. Auch die in diesem Jahr bisher verzeichneten „Todesfälle durch Fremdeinwirkung“ konnte die Mainzer Kripo als gelöst an die Staatsanwaltschaft übergeben. Den Anfang machte im Juni ein Mord in Finthen: Im Keller eines Mehrfamilienhauses wird die Leiche eines 44-jährigen Mannes gefunden. Als Hauptverdächtiger und später auch ermittelter Täter stellte sich bald darauf der Mitbewohner des Toten heraus.
In enger Beziehung standen auch Täter und Opfer eines Verbrechens, das sich vor zwei Monaten in der Mainzer Zanggasse zugetragen hat. In einer Dachwohnung stieß die Polizei auf die halb verweste Leiche einer ermordeten und als vermisst geltenden jungen Frau. Auch hier geriet schnell ein Verdächtiger ins Fadenkreuz der Ermittler: der Wohnungsinhaber. Von ihm fehlte zunächst jede Spur. Einen Tag später stellte sich Jörg S. der Polizei. Seither sitzt der mutmaßliche Täter in U-Haft und wartet auf seinen Prozess. Vor wenigen Jahren noch galt die Zanggasse als Kriminalitätsschwerpunkt. Die Drogenszene hatte sich dort breit gemacht. Nach intensiven Observationen und einer Aufsehen erregenden Razzia kehrte wieder Ruhe ein. Das Viertel selbst ist im Wandel begriffen, nicht zuletzt dank der Übernahme früherer Rotlicht-Etablissements wie der Dorett Bar durch ein feierfreudiges Publikum.

Verbrechen wandelt sich

Wie kriminell ist Mainz nun wirklich? Wer einen Blick in die polizeiliche Kriminalitätsstatistik wirft, kann ängstliche Gemüter beruhigen. Straftaten „gegen das Leben“ (dazu zählen Mord und Totschlag) befinden sich seit Jahren auf einem relativ gleichen, niedrigen Niveau: 2010 registrierte die Mainzer Polizei 32 Fälle, 87,5 Prozent konnten geklärt werden.
Unruhig wurde es dagegen 2008, als eine Vergewaltigungsserie in Mainz für Angst und Schrecken sorgte. Der Verbrecher schlug Ende 2007 bis Anfang 2008 viermal zu, bevor er schließlich nach einem weiteren Vergewaltigungsversuch in der Nähe der Uni festgenommen werden konnte. Auch 2006 war für die Polizei ein besonderes Jahr: Eine auffällig hohe Zahl an Fälschungs- und Vermögensdelikten beschäftigte die Beamten damals. Dahinter steckte unter anderem ein größeres Verfahren, bei dem es um Abrechnungsbetrug ging.
Es scheint, als gebe es auch in Sachen Kriminalität gewisse Moden. Immer wieder kommt es zu Tatserien, häufig auch befördert durch die gesellschaftliche Entwicklung. Ein Beispiel dafür ist das Delikt Raub. 2006 und 2007 stiegen die Fallzahlen in Mainz deutlich an. Der Hintergrund waren so genannte „Rip-Delikte“ (umgangssprachlich von „ripp off“, jemanden abziehen), bei denen es die Täter auf Handys, MP3-Player und ähnliche Beutestücke abgesehen hatten. Schon im Jahr darauf kehrte an dieser Front wieder etwas mehr Ruhe ein. „Wir gehen davon aus, dass die polizeiliche Präsenz, insbesondere verstärkte Fußstreifen, hier eine wesentliche Rolle gespielt hat. Da sich gerade in diesem Bereich ein nicht unerheblicher Anteil an jugendlichen Tatverdächtigen befindet, denken wir, dass die Präventionsprogramme in den Schulen ebenfalls ihren Anteil daran haben“, sagt René Nauheimer, Pressesprecher des Mainzer Polizeipräsidiums.
Das Jahr 2010 bescherte der Mainzer Polizei einen Aufsehen erregenden Erfolg – und den nur vier Minuten, nachdem sich die Tat ereignet hatte. Es ist 10.05 Uhr morgens, als der Ruf „Bankenalarm!“ die Routine in der Führungszentrale des Polizeipräsidiums am Valenciaplatz durchbricht. Auf dem Bildschirm der Beamten erscheint die Hauptstelle der Mainzer Sparkasse in der Bahnhofstraße. Kurz darauf gehen mehrere Notrufe ein: „Die Sparkasse ist überfallen worden!“
Der Zufall will es, dass zur gleichen Zeit ein Streifenwagen durch die Bahnhofstraße fährt. Ein Passant stürmt auf das Polizeiauto zu, klopft aufgeregt an die Scheibe und ruft dem Fahrer zu: „Dort vorne läuft ein Bankräuber!“ Im gleichen Moment wird die Beifahrertür aufgerissen. Eine ältere Frau, sichtlich erregt, zerrt seine Kollegin am Arm und weist sie auf einen zweiten, rennenden Mann hin, der in Richtung Hintere Bleiche verschwindet. „Der da hat gerade die Bank überfallen!“ Was nun folgt, ist ein Einsatz, der es in sich hat. Während die beiden Polizisten zu Fuß die Täter verfolgen, werden sämtliche verfügbaren Streifenwagen vor Ort geschickt. Um 10.08 Uhr meldet sich der männliche Beamte über Handy und bittet um Unterstützung: Gärtnergasse Ecke Kaiserstraße hat er einen Täter gestellt und festgenommen. Eine Minute später läuft der Funkspruch seiner Kollegin in der Einsatzzentrale auf: „Ich hab‘ einen Täter festgenommen“ – „Wo?“ Sie schnappt kurz verwirrt nach Luft, dann kommt die Antwort: „Im Hof der Post“.
Später ergeben die Ermittlungen, dass die Täter zu einer Gruppe Osteuropäer gehörten, die bereits einige Banken in Nordrhein-Westfalen auf gleiche Art und Weise heimgesucht hatten. Derartige Erfolge machen die Polizei glücklich, andere Nachrichten, die ein Jahr später vermeldet wurden, allerdings weniger: 2011 gerieten die Ordnungshüter selbst unter Tatverdacht. Aus der Asservatenkammer des Polizeipräsidiums Mainz waren insgesamt 1.700 Euro, 10 Schweizer Franken und eine Tüte mit 116 Gramm Amphetamin verschwunden. Aufgefallen war dies im Zuge einer Routineüberprüfung der im Laufe der Zeit angesammelten Beweisstücke. Ob das Rauschgift und das Geld aber wirklich gestohlen oder einfach nur nicht richtig zugeordnet wurden – immerhin durchlaufen jedes Jahr rund 2.300 Fälle die Asservatenkammer – wird sich wohl nicht mehr klären lassen. Drei Monate später stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. „Eindeutige Beweismittel, insbesondere auch Tatzeugen, anhand derer einer bestimmten Person ein strafbares Verhalten nachzuweisen wäre, konnten nicht gewonnen werden“, heißt es in der Pressemitteilung der Mainzer Staatsanwaltschaft.
Helmut Lehr zieht indessen weiter auf den Spuren historischer Verbrechen und erzählt vom Schicksal einer Giftmischerin, die sich mit Arsen vom Joch ihres saufenden und prügelnden Ehegatten befreite und bei nächster Gelegenheit auch ihre Schwiegermutter und Söhne ins Jenseits beförderte. Vor dem Karthäuser Hof macht er auf das tragische Ende eines Wirts aufmerksam, der 1853 von einem betrunkenen, streitlustigen jungen Schiffer durch das Messer gemeuchelt wurde. Ach ja, da ist dann noch ein Würgemord im berühmt-berüchtigten Laufhaus „Crazy“ unweit des Hauptbahnhofs, irgendwann in den 70er-Jahren. Wer ihm zuhört, kommt zu der Erkenntnis: Die alten Zeiten mögen „besser“ gewesen sein, gemordet wird aber immer noch meistens aus den gleichen Gründen: aus Habgier oder sexuellem Frust, oder wie man es bei der Kripo einmal plakativ formulierte: „Entweder geht’s ums Geld oder den Pimmel!“

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