Unter unseren Füßen – Keller & Gewölbe in Mainz

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Text: Regina Roßbach
Fotos: Mathias Kohl

Dunkle Keller, unterirdische Gänge, schummrige Gewölbe: sensor unternimmt einen Ausflug in die Unterwelt von Mainz und macht überraschende Entdeckungen.

Sollte ein totgeglaubter Krimineller in Mainz untertauchen wollen – wie in Carol Reeds Filmklassiker „Der dritte Mann“ – so fände er an vielen Stellen Unterschlupf. Das Fundament unserer Stadt ist von Kellern und Gängen durchzogen. Nur wenige Zugreisende wissen, dass unter dem Bahnhof Römisches Theater eine alte Festungsanlage verborgen liegt. Tief unter den Gleisen durchziehen hunderte Minengänge das Erdreich, in denen im 17. Jahrhundert zur Verteidigung Sprengsätze ausgelegt wurden. Spaziergänger im Stadtpark ahnen nichts von den Wassergalerien unter ihren Füßen, die Kurfürst von Schönborn anlegen ließ, um die Springbrunnen seines Lustschlösschens Favorite mit Wasser zu versorgen.
Auch die Mainzer Altstadtkeller und ihre Geschichten kennen nur wenige Interessierte. So einer ist Theodor Schué. Seine Familie führt in dem um 1450 entstandenen Haus „Zum Aschaffenerg“ in der fünften Generation einen Sanitärbetrieb. Unter dem modernen Geschäftsraum befindet sich ein kühler Keller. In einer Ecke des schummrigen Raums tut sich eine Vertiefung auf, daneben liegen Werkzeuge und Tonscherben. Seit 1995, als Schué begann, den Keller von Schutt zu befreien, buddelt er hier wie ein Archäologe Relikte aus sechs Jahrhunderten hervor. Mit Hilfe von Archäologen hat er die Bedeutung der Fundstücke entschlüsselt: „Hier müssen früher wohlhabende Leute gewohnt haben“, erklärt er. Denn die achtlos im Keller entsorgten Gegenstände sind zum Teil aus kostbarem Glas. Das erklärt, warum Gutenberg von den Bewohnern einen Kredit für seine Buchdruckerwerkstatt erhalten konnte. Bald soll die Fundstelle mit einer Glasscheibe verschlossen und szenisch beleuchtet werden. In der Nähe des Denkmals will die Familie Schué dann gemeinsame Weinabende verbringen; die historische Szenerie ihres Kellers genießend.

Brodelnde Kreativität in der Tiefe
Nicht weit von den Altstadtkellern entfernt befinden sich die Keller des Mainzer Doms. Sein Fundament wurde vor tausend Jahren auf Eichenpfähle gebaut, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts drohten, vom Grundwasser aufgeweicht zu werden. Zur Rettung des Bauwerks war die Entwicklung eines neuartigen, schnell trocknenden Zements nötig, die heute als Meilenstein der Baugeschichte gilt. Dass das Grundwasser der größte Feind unterirdischer Bebauungen ist, zeigte sich auch beim Umbau des Staatstheaters vor zehn Jahren. Nur mithilfe vieler Schichten Beton gegen den Wasserdruck konnte „U17“ entstehen. Mit 17 Metern Tiefe sind die Theaterkeller heute der tiefste Punkt der Innenstadt. Sie muten an wie eine Mischung aus Baumarkt und sagenumwobener Märchenwelt. Zwischen Stellwänden und Brettern stehen überdimensional große Tassen, leuchtende Tulpenfelder und ein quietschbunt geblümtes Häuschen mit weißem Gartenzaun. „Das ist das Haus der Großmutter in ‚Räuber Hotzenplotz’“, erklärt Sabine Rüter, Pressesprecherin am Staatstheater. Wegen der hektischen Umbauten zwischen Proben und Vorführungen ist das unterirdische Kulissenlager in strenger Ordnung sortiert. Trotzdem wirkt alles wie ein großes Labyrinth. So ist es kein Wunder, dass sich Schauspieler auf dem Weg zur Ballett-Trainingshalle oder Probebühne 3, die sich ebenfalls hier unten befinden, schon mal verlaufen. Faszinosum der unterirdischen Theaterwelt aber ist der Bühnenaufzug, mit 17 mal 6 Metern europaweit der einzige seiner Größe. Mittels seiner modernen Hydraulik können die Bühnentechniker auch große Dekorationen mühelos in den Theaterraum transportieren. Zurück an der Erdoberfläche scheint der Alltag von all dem unberührt – wo es doch unter unseren Füßen nur so brodelt vor Kreativität.

Die Traumbastler
Die Nutzung der Mainzer Keller ist abwechslungsreich. Im Unterhaus macht man Kabarett. Das Eisgrub-Bräu knüpft an alte Mainzer Biertraditionen an, wo früher einmal Eisblöcke gelagert wurden. Aus dem Isis-Tempel unter der Römerpassage ist ein Museum geworden. Im Red Cat-Gewölbe zappeln Studenten die Nächte durch, nachdem sie im loungigen Keller des Lomo einen Aperitif geschlürft haben.
Eine ganze Mixtur verschiedener Kellernutzungen bergen auch die unübersichtlich verzweigten Gewölbekeller der Walpodenstraße. Dort hat sich eine Subkultur der besonderen Art gebildet. Der größte Keller, ein weiß gestrichenes Tonnengewölbe, wurde zu einer Galerie hergerichtet. Jeder kann dort für einen geringen Preis ausstellen. Andere Keller dienen als Künstlerateliers. Bartholomäus Wischnewski bastelt lederne Kostüme, mit Drähten und schweren Ketten behängt. Robert Schröder kreiert dekorative Installationen für Clubs oder Bühnenbilder. Beide haben einen Ort gefunden, wo der Lärm ihrer Arbeit niemanden stört: „Seitdem ich hier unten fertige, habe ich endlich wieder Frieden mit meinen Nachbarn“, lacht Wischneswki. Zwischen Galerie und Ateliers befindet sich der „Sektor D“. Dieser große Hobbykeller gleicht einer Spielwiese. Neben Billardtisch, Sitzecke und Leinwand für Wii-Spiele haben Max Weiß und Werner Nagel, zwei Mainzer DJs, eine Privatdisco eingerichtet, inklusive Nebelmaschine und Lichtanlage. Sie drehen laut auf und experimentieren herum. Denn im Keller gibt es keine Grenzen: „Hier ist alles erlaubt. Schreien, Toben, von mir aus auch ein Kind gebären“, grinst Werner Nagel. Seine Freundin Monja Werner schätzt an der Untergrundgemeinschaft besonders ihre Toleranz: „Wo kann man denn sonst einfach mal man selbst sein?“, fragt sie, und formuliert damit das Programm der Walpodenkeller: Abgeschieden vom Rest der Welt werkelt jeder an seinen Träumen herum, seien sie auch noch so schräg. Es tummeln sich hier übrigens noch Bastler von Uhren, Rennbooten und ferngesteuerten Flugzeugen, außerdem ein Schlagzeugspieler. Irgendwo soll es eine Sauna geben, aber das weiß hier niemand so ganz genau…

Stadtgeschichte aus dem Untergrund
Wie unterschiedlich alte Mainzer Keller gefüllt werden, zeigt auch die Weinkeller-Landschaft. Die Kupferbergkeller waren mit sieben Stockwerken und 60 Gewölbekellern einmal die größte Sektkellerei der Welt; heute sind sie ein Museum. In den Kellern der Weinbaudomäne befindet sich nach aufwändiger Instandsetzung statt Weinfässern trockener Aktenstaub: Sie beinhalten das Archiv der Justizbehörden.
Ein Weinkeller, der noch wie einer aussieht, befindet sich in der Kaiserstraße: die ehemalige Weingroßkellerei Kleebach, die Mathias Kleebach 1887 gründete. Dessen Enkel Christian Kleebach hat der Geschichte der Firma nachgespürt: Die Kellerei fungierte früher als Umschlagplatz. Winzer aus der Umgebung lieferten fertig gereiften Wein in Fässern an oder ließen den Ausbau (Reifungsprozess) gleich ganz von den Kleebachs betreuen. Dann wurden die Flaschen abgefüllt, etikettiert und ausgeliefert. Beim Weinmarkt auf dem ehemaligen „Hallenplatz“ – heute Standort des Rathauses – bewarb man die Produkte mit bunten Transparenten. Überbleibsel wie diese lagern jetzt in Christian Kleebachs Abstellkammer, der sich als Architekt für alte Einrichtungen und Bauelemente begeistert. Er bewundert auch die einzigartige Bauweise des Kellers, in der Fachsprache „Kreuzgratgewölbe“ genannt. Alle runden Geburtstage hat er unten gefeiert, mit Fleischfondue und natürlich gutem Wein. Für solche Anlässe würde er die Räume auch vermieten. Umgestaltungen wie den Einbau von sanitären Anlagen lehnt er aber ab: „Ich möchte hier unbedingt die Authentizität behalten. Leider sind viele Keller nutzbar gemacht und damit kaputtsaniert worden“, sagt er. Das ist das Besondere an diesem Keller: Alles ist noch wie damals. Staubige Weinflaschen liegen in den gusseisernen Regalen, an der Wand reihen sich große Fässer aneinander, die Beleuchtung hat historischen Charme. So erweckt das Gewölbe alte Bilder wieder zum Leben.

Keller und Gewölbe in Mainz – sie beherbergen viele Geschichten und spannende Nutzungsmöglichkeiten. Der sensor-Streifzug ist hier zu Ende. Wer noch mehr über das Unterbewusstsein der Stadt, ihre Gewölbe, Krypten und Kanäle, erfahren möchte, sollte einen Blick in den von Rupert Krömer herausgegebenen Bildband „Mainzer Unterwelten“ werfen. Das Buch entstand nach dreijähriger Recherche und ist voller hochwertiger Fotos (Klaus Benz) und spannender Informationen zum Thema (Wolfgang Balzer). Oder ihr taucht selbst einmal ab. Vielleicht gibt es ja auch in euren Kellern etwas zu finden.

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