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Generationengerechtigkeit: Wenn wir alt sind, leisten wir uns was


von Andreas Schröder
Fotos: Elisa Biscotti

Altersarmut, private Rente, Staatsverschuldung: Der Generationenvertrag ist schon lange nicht mehr generationengerecht. Und die Zeche zahlen die Jungen.

Wer zwischen 25 und 35 Jahren alt ist oder jünger, darf von der staatlichen Rente nicht mehr viel erwarten. Die neueste Diskussion über die drohende Altersarmut breiter Bevölkerungsschichten und über die so genannte Zuschussrente hat diesen seit Jahren bekannten Punkt erneut deutlich gemacht. Doch die Renten sind nur die Spitze des Eisbergs.
Ursache der Schieflage ist das Verfahren, nachdem die gesetzliche Rentenversicherung funktioniert: das Umlageprinzip. Vereinfacht gesagt bedeutet das, dass die Erwerbstätigen für all diejenigen zahlen, die nicht mehr arbeiten können oder müssen. Sie tun das im Vertrauen darauf, dass die nachfolgenden Generationen ihnen diesen Gefallen erwidern können. Man nennt das auch Generationenvertrag und es klingt eigentlich fair. Wer daran glaubt, ist selber schuld.

Der Galerist

„Ich lege mein Geld in Kunst an“, sagt Christopher (31). Seit einem Jahr ist er Direktor einer Galerie im Saarland. Seitdem zahlt er in die Rentenversicherung ein. Davor hatte er in Mainz studiert und 2011 promoviert. Mit Kunst als möglicher Altersvorsorge ist es für ihn als Fachmann wesentlich einfacher, den Überblick über Soll und Haben zu bewahren. „Denn sind wir ehrlich“, sagt er trocken: „Diese privaten Rentenangebote sind nicht gerade nutzerfreundlich erklärt.“
Als er 2011 seine neue Stelle antrat, kümmerte er sich um eine Berufsunfähigkeitsversicherung. „Davon bin ich dann weitergekommen und habe eine Berufsunfähigkeitsversicherung in Kombination mit einer privaten Rente abgeschlossen.“ Dass er und seine Altersgenossen sowohl die Lasten für die eigene Altersvorsorge wie für die der Generation der Eltern tragen müssen, ist Christopher wohl bewusst. Von der gesetzlichen Rentenversicherung erwartet er sich wenig: „Da mache ich mir nichts vor, ich werde keine Rente bekommen.“
Wut oder Enttäuschung über die ungleiche Lastenverteilung empfindet er aber nicht. „Ich habe kein Problem damit. Das ist für mich auch eine Frage der gesellschaftlichen Verantwortung.“ Natürlich bedeute das auch eine andere Verantwortung für einen selbst. Man müsse mit dem eigenen Geld wirtschaften, entscheiden, was man heute ausgeben kann und was man für morgen zurücklegen muss. Sorgen um die Sicherheit seiner privaten Vorsorge, zum Beispiel wegen der Eurokrise, macht sich Christopher nicht. „Das kostet nur Energie und Zeit, die ich anderswo sinnvoller investieren kann. Man muss sich auch klarmachen, dass man über einen Zeitraum von 30 Jahren in der Zukunft spricht. Da kann so viel passieren, es ist eine so große Unsicherheit, dass es keinen Sinn macht, sich Gedanken zu machen.“

Die Rente

Da es immer mehr Rentner und immer weniger erwerbstätige Menschen gibt, funktioniert das System des Generationenvertrags nicht mehr. Ein erster Ansatz, das Problem zu lösen, ist bereits über zehn Jahre alt. Die Riester-Rente ist ein System der privaten Vorsorge, bei dem der Staat den Sparer unterstützt und steuerlich entlastet. Der Bürger soll damit ermutigt werden, zu einem Teil selbst für sein Rentnerdasein vorzusorgen – also sowohl für die eigene Altersvorsorge als auch für die Bezüge der jetzigen Rentnergenerationen die Verantwortung zu übernehmen.
Wie viel Eigenleistung beim Riester-Sparen genau erforderlich ist, rechnet Torsten Baur, Spezialist für den Bereich Vorsorge und Vermögensanlage bei der Mainzer Volksbank vor. Dabei geht er von einem monatlichen Bruttoeinkommen von 2.500 Euro aus – der gleichen Zahl, mit der auch das Ministerium von Ursula von der Leyen in der jüngsten Rentendiskussion gerechnet hatte. Ein heute 30-Jähriger hat nach diesem Rechenbeispiel eine inflationsbereinigte gesetzliche Rente in Höhe von 547 bis 653 Euro pro Monat zu erwarten – je nachdem, ob er im Alter von 25 oder 30 Jahren in den Beruf eingestiegen ist. Damit bekommt er ungefähr 250 bis 300 Euro weniger pro Monat als der 55-Jährige, den Vorsorgeexperte Baur zum Vergleich mit denselben Werten durchgerechnet hat. Allein um diese Differenz auszugleichen, müsste der 30-Jährige jährlich knappe 2.500 Euro in einen Riester-Sparplan investieren, rechnet Baur.
„Jedem ist inzwischen bewusst, dass er für später selbst etwas zurücklegen muss“, berichtet Baur aus seinem Arbeitsalltag. Auch, dass die Generation der heute 25- bis 35-Jährigen stärker gefordert ist als noch ihre Eltern, kann er bestätigen: „Je jünger man ist, desto mehr Eigenleistung ist erforderlich, um in der Summe aus gesetzlicher und privater Vorsorge eine inflationsbereinigte vergleichbare Gesamtrente in Zukunft zu generieren.“

Schuldscheine aus der Vergangenheit

Was, wenn die gesetzliche Rente gezahlt, die Beiträge für den Riester-Sparplan aufgebracht sind: Ist man dann aus dem Schneider? Leider nicht, weiß Stefan Winkel, Geschäftsführer beim Bund der Steuerzahler Rheinland-Pfalz. Denn die Renten sind nur ein Teil einer riesigen Ansammlung zukünftiger Forderungen gegen den Staat, die von Wirtschaftswissenschaftlern implizite Staatsverschuldung genannt wird. Darunter fallen alle Versprechen auf Zahlungen, Versorgungs- oder Versicherungsansprüche, die der Staat in der Vergangenheit seinen Bürgern gemacht hat, ohne rechtzeitig Rücklagen dafür zu bilden, sprich, dafür zu sparen. Zur impliziten Staatsverschuldung zählt man neben den Renten auch die Beamtenpensionen und die Gesundheits- und Pflegekosten, die durch den demografischen Wandel ansteigen und deshalb ebenso wie die Renten nicht mehr durch Umlagen eins zu eins finanziert werden können. Dieses Geld, betont Stefan Winkel, muss irgendwoher kommen oder es wird an anderer Stelle fehlen – vielleicht bei den Straßen, vielleicht in den Schulen oder Hochschulen. „Ich persönlich glaube, dass es eine Mischung aus vielen Dingen sein wird, mit denen die Politik darauf reagieren wird. Man wird Leistungen einsparen und die Belastungen werden steigen, Steuern und Sozialabgaben zusammen“, wagt Winkel eine vorsichtige Prognose. Genau wissen, würde er es wohl selber gerne: Winkel ist 33 Jahre alt.

Die Physikerin

„Das sind keine Gedanken, die ich mir mache. Das sind eher Ängste, die einen begleiten und immer wieder hochkommen“, sagt Rebekka (31). Denn Gelegenheit, für das Alter vorzusorgen, hatte die Ingenieurin bisher noch nicht. Rebekkas Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, dass die alte Elternweisheit „Lerne etwas Gescheites, dann musst du dir später keine Sorgen machen“ heute nicht mehr in gleichem Maße stimmt wie in der Vergangenheit.
Gleich nach dem Abitur begann sie ihr Physikstudium in Heidelberg. Einige Zeit später wechselte sie an die heutige Hochschule RheinMain in Rüsselsheim – von der Uni an die Fachhochschule. Grund für den Wechsel war damals vor allem die größere Praxisnähe der Ausbildung. Das habe sie zum einen inhaltlich mehr angesprochen („Ich mache heute das, was ich machen will“), vor allem sei ihr aber aus Karrieregründen dazu geraten worden. „Gerade die Industrie nehme lieber Leute aus den Fachhochschulen, hat es damals immer geheißen“, erinnert sie sich. Entsprechend groß war die Überraschung, als sich später herausstellte, dass sie mit dem damals neu eingeführten Bachelor-Abschluss kaum mehr verdienen würde als jemand mit einer Ausbildung. Der Master musste her, das Studium verlängerte sich weiter. Heute arbeitet Rebekka als Medizinphysikerin im öffentlichen Dienst. An eine Altersvorsorge, anders als die Pflichtversicherung in der Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes, könne und wolle sie vorerst nicht denken. Erst müssten die Schulden abgezahlt werden, die sich während des Studiums angehäuft haben. In diesem Punkt zeigt sich Rebekka aber zuversichtlich: „Ich habe in mich und in meine Fähigkeiten investiert.“ Das werde sie wohl auch weiterhin tun, ergänzt sie nach kurzem Überlegen. Denn kompetent und wettbewerbsfähig zu sein, sei letzten Endes die einzige Form der Absicherung, auf die man sich wirklich verlassen könne.

Was bleibt

„Wer heute nicht vorsorgt, wird im Alter finanzielle Probleme bekommen, weil viele nicht über die notwendige Geldrente verfügen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können“, stellt Vorsorgeexperte Torsten Baur trocken fest. Er empfiehlt, sich möglichst früh damit zu beschäftigen: „Je früher ich anfange, desto geringer ist die notwendige Sparrate, um im Alter vergleichbare Rentenansprüche zu haben.“ Leider gebe es aktuell eine große Unsicherheit beim Thema Altersvorsorge. Hinzu komme, dass sich viele Menschen fragten, wie es aufgrund der Staatsschuldenkrise weitergehe.
Zumindest beim Riester-Sparen, einer der populärsten Formen der privaten Altersvorsorge, scheint diese Sorge unbegründet: „Kunden, die unter den geltenden Bedingungen etwas abschließen, tun das, weil sie darauf vertrauen können, in den nächsten 35 bis 40 Jahren die Riester-Zulagen auch zu bekommen“, sagt Torsten Baur und erinnert daran, dass es zirka zwölf Millionen Riester-Sparer gibt. Eine Abkehr von getätigten Versprechen würde wohl einen Großteil der Wählerschaft verstimmen. „Somit kann man unterstellen, dass der Staat dem Fördersparen mit einem Bestandsschutz Rechnung trägt“, unterstreicht er.
Aber auch das Riester-Sparen hat seine Nachteile, die erneut die Frage nach der Rentengerechtigkeit aufwerfen. Denn demjenigen, der im Alter trotz privater Vorsorge in die Armut abgleitet, wird die Riester-Rente auf staatliche Transferleistungen angerechnet. „Im äußersten Fall hat der Kunde dann wirklich umsonst gespart, zum Beispiel, wenn er im Alter mit der staatlichen Rente und seinem Riester-Sparplan unter dem Grundsicherungsniveau liegt“, erklärt Baur. Auch kann die Riester-Rente, anders als eine Lebensversicherung, weder am Stück ausgezahlt noch übertragen werden. Wer also früh stirbt, hat ein schlechtes Geschäft gemacht.

Der Generationenvertrag ist nicht mehr generationengerecht. Die heute 25- bis 35-Jährigen werden die Zeche bezahlen müssen. Alles was bleibt, ist sich darauf einzustellen. Die Unsicherheit ist groß, denn staatliche Lösungsansätze wie die geförderte Privatvorsorge haben auch ihre Nachteile und erfassen nicht das gesamte Problem. Die Ingenieurin Rebekka und der Galerist Christopher suchen ihren eigenen, individuellen Weg, um mit den finanziellen Herausforderungen des demografischen Wandels umzugehen. Vielleicht ist das die beste Lösung.

1 response to “Generationengerechtigkeit: Wenn wir alt sind, leisten wir uns was

  1. „Das größte Ärgernis dieser Staatsverschuldungen von inzwischen 1,8 Billionen Euro in Deutschland ist jedoch der Tatbestand, dass sie uns gar keinen Nutzen gebracht haben! Denn den Kreditausweitungen zwischen 1970 und 2009, in Höhe von 1.596 Mrd Euro, standen in der gleichen Zeit Zinszahlungen des Staates in Höhe von 1.562 Mrd Euro gegenüber! D. h., nutzbar für Staat und Bürger waren also in diesen 39 Jahren nur jene 34 Mrd Euro, die sich aus der Differenz zwischen Kreditaufnahmen und Zinszahlungen ergeben! – Profitiert hat also alleine jene Bürger-Minderheit, die dem Staat ihr Geld geliehen hat: Sie ist um 1.562 Mrd Euro reicher geworden!“

    Helmut Creutz (aus Humane Wirtschaft 02/2011 S. 12)

    Dass eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt, etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld bis heute nicht verstehen konnte, beruht auf einer künstlichen Programmierung des kollektiv Unbewussten, die vor Urzeiten erforderlich war, um den Kulturmenschen im wahrsten Sinn des Wortes „wahnsinnig genug“ für die Geldbenutzung zu machen, damit das, was wir heute „moderne Zivilisation“ nennen, überhaupt entstehen konnte:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/09/von-den-drei-verwandlungen.html

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